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Debatte

Warum es wichtig ist, bei Plattformarbeit auch Selbstständige in den Blick zu nehmen

Text: Monika Queisser, Raphaela Hyee, Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)

Was sind die Herausforderungen, die aus neuen Formen von Selbstständigkeit für die tradierten Sozial­versicherungssysteme in Europa erwachsen?

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Sozialversicherungssysteme in Europa wurden oft für den archetypischen (männlichen) Vollzeitarbeitnehmer konzipiert. Wer von diesem Muster abweicht – etwa selbstständig ist oder Arbeits­leistungen über eine Internetplattform anbietet –, ist oft unzureichend abgesichert.

Dies betrifft potenziell viele Arbeitnehmer*innen in Europa, wo rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen selbstständig sind. Durch neue Technologien könnte diese Zahl weiter steigen – das Internet macht es einfach und billig, Arbeit auszulagern.

Die neuen Arbeitsformen, die so entstehen, rücken Lücken in der sozialen Absicherung von Selbstständigen in den Vordergrund der internationalen politischen Debatte. Arbeit auf digitalen Plattformen – sogenannte Gigjobs – sind in den letzten Jahren stark gewachsen,1 und die meisten dieser Gigworker sind, zumindest formell, selbstständig.

Selbstständigkeit als Herausforderung für die soziale Absicherung

Selbstständige passen nicht ohne Weiteres in das Muster von beitragsgetragenen Sozialversicherungssystemen – sie haben keinen Arbeitgeber und müssten daher sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmerbeiträge leisten, was für jene mit niedrigen Einkünften oft schwierig ist, insbesondere da für Selbstständige keine Mindestlöhne und keine Kollektivverträge gelten. Die Einkünfte von Selbstständigen schwanken oft stark, was die Berechnung von Beiträgen und Ansprüchen erschwert. Selbstständige können ihre Einkünfte darüber hinaus leichter verbergen oder sie über die Zeit so verteilen, dass Beiträge minimiert oder Ansprüche maximiert werden.

Für manche Bereiche der sozialen Sicherung ergibt sich auch ein sogenanntes moralisches Risiko: Das Konzept und die Bedeutung von Arbeitslosig­keit ist z. B. für Selbstständige nicht leicht zu definieren – wie sollen Arbeitsämter überprüfen, ob sie sich „angemessen“ um Aufträge bemühen? Dementsprechend ist Arbeitslosigkeit das für Selbstständige am schlechtesten abgesicherte Risiko – nur in 11 von 29 untersuchten OECD-Ländern sind Selbstständige genauso gegen Arbeitslosigkeit versichert wie unselbstständig Beschäftigte. 2

Selbstständige haben auch mehr Einfluss auf ihr Arbeitsumfeld als unselbstständig Beschäftigte und können daher theoretisch das Risiko von Arbeitsunfällen beeinflussen. Selbstständige sind daher auch gegen das Risiko von Arbeitsunfällen schlecht abgesichert – nur in 11 von 29 untersuch­ten OECD-Staaten genauso wie unselbstständig Beschäftigte. Arbeitsunfälle können die Lebensgrundlage von Selbstständigen daher stark gefährden. Im Gegensatz dazu sind Selbstständige in 23 von 29 untersuchten Ländern Unselbstständigen in der Invaliditätsversicherung gleichgestellt.3

„Selbstständige haben einen schlechteren Zugang zur Rentenversicherung – in einigen Ländern gibt es gar keine Pflichtversicherung, sondern nur die Möglichkeit, freiwillig vorzusorgen.“

Selbstständige haben auch einen schlechteren Zugang zur Rentenversicherung – in einigen Ländern gibt es gar keine Pflichtversicherung, sondern nur die Möglichkeit, freiwillig vorzusorgen (wie auch in Deutschland, abgesehen von den berufsständischen Versorgungswerken). In anderen Ländern leisten sie niedrigere Beiträge, die mit niedrigeren Leistungen verbunden sind, während sie z. B. in Japan, den Niederlanden oder der Schweiz nur Zugang zu einer Säule eines mehrsäuligen Systems haben.4

Im Gegensatz dazu sind familienbezogene Transfers wie Kindergeld oft universell verfügbar oder bedürftigkeitsgeprüft und daher auch für Selbstständige zugänglich – das „Risiko“ der Mutter- bzw. Elternschaft hängt nicht mit der Art des Arbeitsverhältnisses zusammen.

Selbstständigkeit als Herausforderung für Sozialversicherungssysteme

Lücken in der sozialen Absicherung von Selbstständigen sind nicht nur ein Problem für Selbstständige selbst, sie bedrohen auch die finanzielle Nachhaltigkeit von Sozialversicherungssystemen. Wenn geringere Leistungen geringeren Beiträgen gegenüberstehen, haben Arbeitgeber einen Anreiz, Arbeit auf billigere Arbeitsformen zu verlagern. Auch Arbeitnehmer*innen selbst, die entweder ihre Risiken unterschätzen oder im Falle eines Einkommensverlustes auf (steuerfinanzierte) Leistungen der Grundversorgung zurückgreifen wollen, können es vorziehen, als Selbstständige niedrigere Beiträge zu bezahlen. Dieser Anreiz lässt sich am Unterschied der Lohnnebenkosten (Einkommensteuer, Sozial­versicherungsbeiträge und sonstige obligato­rische Zahlungen) zwischen Selbstständigen und Unselbstständigen illustrieren. In den Nieder­landen z. B. betragen die Lohnnebenkosten für eine Vollzeitarbeitnehmerin, die den Durchschnittslohn verdient, 51 Prozent ihres Brutto­bezuges, für eine Selbstständige nur 22 Prozent. Der Großteil dieses Unterschieds ist auf die niedrigeren Sozialversicherungsbei­träge für Selbstständige zurückzuführen – in den Niederlanden sind sie von der Arbeitslosen­versicherung ausgeschlossen. Alle anderen Leistungen sind entweder nur teilweise abge­deckt, oder Selbstständige können sich nur freiwillig versichern. In Schweden hingegen beträgt dieser Unterschied nur drei Prozent­punkte – Selbstständige haben Zugang zu beinahe allen Sozialversicherungsleistungen.5


15 Prozent aller Erwerbstätigen in Europa sind selbstständig, die Zahl könnte weiter steigen. Tradierte Sozialversicherungssysteme stehen vor Herausforderungen. Foto: pixelstock/Shutterstock.com

Für Arbeitnehmer*innen ist Selbstständigkeit besonders dann attraktiv, wenn Beiträge niedri­ger sind, aber Leistungen sich kaum unterschei­den. Es ist daher besonders wichtig, dass sowohl Beiträge als auch Leistungen zwischen Selbstständigen und Unselbstständigen so weit wie möglich angeglichen werden. Sollte es gesellschaftlich gewünscht sein, bestimmten Gruppen, wie in manchen Ländern z. B. Kulturschaffenden, günstigere Zugangs­bedingungen zu sozialer Siche­rung anzubieten, so sollte dies auf transparente Weise mithilfe von Sub­ventionen erfolgen, ohne die Finanzierung der Systeme zu beeinträchtigen oder die Anreize zu verzerren.

„Lücken in der sozialen Absicherung von Selbstständigen sind nicht nur ein Problem für Selbstständige selbst, sie bedrohen auch die finanzielle Nachhaltigkeit von Sozialversicherungssystemen. “

Fussnoten

1.
Freie Stellen auf vier großen Online-Plattformen (Freelancer, Upwork, Peopleperhour und Amazon Mechanical Turk) wuchsen um über 20 Prozent zwischen 2016 und 2019, online labour index (http://ilabour.oii.ox.ac.uk/online-labour-index/).
2.
OECD. (2019). „Left on your own? Social protection when labour markets are in flux“, in: OECD Employment Outlook 2019: The Future of Work, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/bfb2fb55-en
3.
Spasova et al. (2017). “Access to social protection for people working on non-standard contracts and as self-employed in Europe”, European Commission, Brussels, DOI: 10.2767/700791; OECD (2019): Employment outlook, see above.
4.
OECD. (2019). Pensions at a Glance 2019: OECD and G20 Indicators, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/b6d3dcfc-en
5.
OECD. (2019), „Left on your own? Social protection when labour markets are in flux“, in: OECD Employment Outlook 2019: The Future of Work, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/bfb2fb55-en
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