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Kapiteleinführung

Die Zukunft der Arbeit

Wie können wir gemeinsam die Arbeit der Zukunft gestalten? Zu dieser Frage gibt dieser Begleitband wesentliche Denkanstöße. Hier umreißt Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, zunächst die zentralen Handlungsfelder auf nationaler und europäischer Ebene und gibt einen kurzen Überblick über die nachfolgenden Beiträge.

BIO

Die Arbeitswelt unterliegt einem tief greifenden und zum Teil rasan­ten Wandel. Die Digitalisierung ist dafür ein wichtiger und ganz entscheidender Treiber. Das birgt Risiken und Chancen zugleich.

Manche Veränderungen sind heute erst in Umrissen zu erkennen; andere sind in den Betrieben schon längst angekommen und fest etabliert: Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Dazu wollen wir uns mit Ihnen, unseren europäischen Partnerinnen und Partnern, austauschen und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um gemeinsame Handlungsbedarfe zu vereinbaren.

Für diesen Begleitband haben wir nationale, europäische und internationale Expertinnen und Experten aus Politik und Praxis, Wissenschaft und Sozialpartner­schaft gewonnen, um interessante Schlaglichter auf die Zukunft der Arbeit zu erhalten. Denn die Arbeit wird uns zukünftig nicht ausgehen. Aber es wird vielfach eine andere Arbeit sein, die andere Kompetenzen und Qualifikationen erfordert und die mit einer voranschreitenden Flexibilisierung der Arbeitswelt einhergeht.

Es geht also längst nicht mehr um die Frage, ob Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) unsere Arbeitswelt verändern, sondern wie. Wir wollen diesen Wandel gestalten, damit aus technischem Fortschritt auch sozialer Fortschritt wird.

Digitalisierung und digitale Arbeitswelt europaweit gestalten

Auch für die neue EU-Kommission ist die digitale Arbeitswelt ein Kernthema. Europa hat die Macht, die Digitalisierung zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um faire Digitalsteuern für Apple, Amazon, Google und Facebook, sondern auch um den Effekt von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf den europäischen Arbeitsmarkt.

Fakt ist: Der Einfluss digitaler Technologien auf die betriebliche Praxis in Europa nimmt zu. Deshalb machen nationale Alleingänge wenig Sinn. Vor diesem Hinter­grund setzen wir im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft das Thema „Zukunft der Arbeit“ auf die europäische Agenda. Aus arbeitspolitischer Sicht geht es uns dabei um die Kernthemen KI, Plattformökonomie und Weiter­bildung, die unmittelbar zusammenhängen: Mit der Digitalisierung werden neue „intelligente“ Werkzeuge und Systeme vermehrt eingesetzt; dazu tragen die Fortschritte in der KI entscheidend bei. Dies verändert unsere Art, zu arbeiten, nachhaltig. Es ermöglicht neue Geschäftsmodelle wie digitale Plattformen, die selbstständig arbeitende Personen durch neue Arten der Organisation von Arbeit in einem bisher unbekannten Ausmaß einsetzen. Durch Digitalisierung und den vermehrten Einsatz von KI ändern sich Tätigkeits- und Verantwortungsprofile. Die Nachfrage nach neuen Fähigkeiten steigt. Berufliche Weiterbildung wird daher zum Schlüssel, um Beschäftigung zu sichern und Fachkräftemangel zu begegnen.

Vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz ermöglichen und Potenziale nutzen

Der Einsatz von KI ändert unsere private und berufliche Welt. Wir wollen die Nutzung von KI in Arbeit und Gesellschaft verantwortungsbewusst gestalten. Einen guten Einblick zu Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz bieten die Beiträge von den KI-Experten Shirley Ogolla und Prof. Dr. Hendrik Send, die hierzu am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft forschen (zum Artikel).
Zudem erfahren wir von Prof. Dr. Katharina Zweig, Professorin für Informatik an der Technischen Universität Kaiserslautern, mehr über die Klassifizierung von KI-Systemen und den unterschiedlichen praktischen Umgang mit ihnen in der Arbeitswelt (zum Artikel). Aus arbeitspolitischer Sicht müssen wir darüber diskutieren, wie ein europäischer Ordnungsrahmen für KI gestaltet werden kann. Unser Ziel lautet: Maschinen müssen Menschen nützen – nicht umgekehrt.

Die EU-Kommission hat im Februar 2020 Vorschläge für einen sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz veröffentlicht. Mit ihrem Weißbuch geht sie einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Wir brauchen klare Regeln, was KI darf und was nicht, und müssen dafür sorgen, dass diese Regeln auch durchgesetzt werden. Wir können nur dann erfolgreich sein, wenn die Menschen auch das notwendige Vertrauen in diese Technologie haben. Völlig zu Recht sind die Ansprüche an Sicherheit und Kontrolle im Umgang mit KI-basierten Produkten dieselben wie bei jedem anderen Produkt auch.

Wir im BMAS haben die Aufgabe, diesen Prozess federführend zu gestalten und werden prüfen, inwieweit die Maschinenrichtlinie in ihren Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit von KI-gesteuerten Systemen angepasst werden muss. Unser Leitbild muss dabei sein, vertrauenswürdige KI zu ermöglichen und die Potenziale der KI voll auszunutzen.

Einen europäischen Weg in der Entwicklung und Anwendung von KI zu gehen, heißt für mich, Anreize so zu gestalten, dass KI das Leben der Menschen besser macht. Neue KI-Regulierung darf nicht dazu führen, dass bestehende Schutzstandards in der Arbeitswelt infrage gestellt werden. Die Datenschutzgrundverordnung hat gezeigt, dass die EU globale Standards setzen kann. Das sollten wir auch beim Thema KI tun.

Gute Arbeit in einer starken Plattformökonomie regeln

Das Thema Plattformökonomie spielt eine immer wichtigere Rolle. Plattform­arbeit ist zunehmend im Alltag präsent, z. B. durch Essenslieferanten, Fahrdienste und Haushaltsdienstleistungen, aber auch durch Online-Arbeit wie etwa Textarbeit, Programmierungen und kreative Tätigkeiten. Sowohl auf nationaler als auch auf EU- sowie internationaler Ebene findet aktuell eine intensive politische Diskussion über die Plattformökonomie als zentrales Beispiel für neue Arbeitsformen statt. Allgemein wird erwartet, dass Plattformtätigkeiten im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung zunehmen werden und dass sich diese Zunahme sehr rasch vollziehen könnte.

Die Beiträge von Plattformbetreibern und Crowdworkern (zum Artikel) beschreiben aus ihrer Praxis heraus das Potenzial, die Herausforderungen und Perspektiven der Plattformarbeit.

Digitale Plattformen bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu Arbeit für diejenigen, die nicht zu festen Arbeitszeiten an einem festen Ort tätig sein können oder wollen. Wir wollen es Unternehmen ermöglichen, die Potenziale der Plattformökonomie zu nutzen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und wir wollen „europäische Champions“ in der Plattformökonomie. Dazu gehört auch, gute Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung zu gewährleisten.

„Für gute Arbeit in einer starken Plattformökonomie braucht es gute […] Regelungen, damit digitale Arbeit nicht digitale Ausbeutung wird.“

Mit ihrem Beitrag „Soziale Sicherung von Plattformarbeit: gute Praxis im interna­tionalen Vergleich“ (zum Artikel) zeigen die Autoren Dr. Christoph Freudenberg und Dr. Wolfgang Schulz-Weidner innovative Regulierungsansätze von Ländern auf, welche darauf abzielen, Plattformarbeit nicht nur de jure, sondern auch in der sozialen Praxis besser abzusichern und Sozialbetrug zu bekämpfen.

Für gute Arbeit in einer starken Plattformökonomie braucht es gute – und teilweise auch neue – Regelungen, damit digitale Arbeit nicht digitale Ausbeu­tung wird. Konkret geht es z. B. um die Frage, wie wir Plattformen, die mit (Solo-)Selbstständigen arbeiten, stärker in die Verantwortung nehmen können. Denn, wie der Beitrag von Dr. Monika Queisser (zum Artikel) zeigt: Selbstständige sind ein wichtiges Thema für die arbeitspolitische Gestaltung in der Plattform­arbeit. Deren neue Arbeitsformen rücken Lücken in der sozialen Absicherung von Selbstständigen in den Vordergrund der internationalen politischen Debatte.

Viele Arbeitsplattformen, insbesondere im Bereich der ortsungebundenen Online-Arbeit, sind grenzüberschreitend tätig. Hier stellen sich klassische Fragen, z. B. welches Recht anwendbar ist und wie Plattformtätige ihre Rechte ggf. auch gerichtlich durchsetzen können. Aber es stellen sich auch spezifische Fragen, bezogen auf das Geschäftsmodell von Plattformen, wie etwa Fragen der Transparenz oder der Datenportabilität im Falle eines Wechsels von einer Plattform zur anderen.

Deshalb setzen wir uns für Regeln auf europäischer Ebene ein. Wir wollen die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um das Thema aktiv voranzutreiben.

Auf dem Weg zu einer europäischen Weiterbildungsstrategie

Berufliche Weiterbildung – gerade für Beschäftigte – ist die zentrale Antwort auf den digitalen und demografischen Strukturwandel. Wir wollen den europäischen Dialog zu Weiterbildung und Kompetenzen weiterführen, der unter der Ratspräsidentschaft Kroatiens gestartet wurde.

Weiterbildung ist nicht nur eine Frage der Beschäftigungssicherung: Der Beitrag von Dr. Thomas Kruppe vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigt uns die Interdependenz von individueller Weiterbildung und Lohnentwicklung auf (zum Artikel).

Auf nationaler Ebene haben wir im Juni 2019 eine Nationale Weiterbildungs­strategie auf den Weg gebracht (zum Artikel). Um die Strategie auf eine möglichst breite Basis zu stellen, waren Vertreterinnen und Vertreter der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesländer, der Wirtschaft und der Sozialpartner eng in die Erarbeitung einbezogen. Welche Erfahrungen und Erwartungen mit der ge­meinsamen Strategie einhergehen, darüber erhalten wir von den Ver­tretern und Vertreterinnen der Sozialpartner, Sabrina Klaus-Schelleter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Dr. Irene Seling und Dr. Jupp Zenzen von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeber (BDA), einen persönlichen Einblick (zum Artikel).

Wir suchen auf europäischer Ebene den Austausch zu den jeweiligen nationalen Weiterbildungssystemen und -instrumenten der Mitgliedstaaten. In verschie­denen Staaten existieren innovative Ansätze, von denen wir gemeinsam lernen können. So hat beispielsweise Österreich bereits im Jahr 1998 das Instrument der Bildungskarenz eingeführt und seitdem erfolgreich weiterentwickelt, wie Julia Bock-Schappelwein, Dr. Ulrike Famira-Mühlberger und Ulrike Huemer in ihrem Beitrag anschaulich darlegen (zum Artikel).

In der europäischen Diskussion stellt sich auch die Frage, welcher europäischen Lösungen es in der beruflichen Weiterbildung für den Erhalt und Ausbau der Beschäftigungsfähigkeit der Menschen in Europa bedarf und wie selbstbestimmte Erwerbsbiografien in der digitalen Transformation gelingen können.

Der Beitrag von Roman Lutz und Regine Geraedts beschreibt beispielsweise die gemeinsame Positionierung der Arbeitskammer des Saarlandes, der Arbeit­nehmerkammer Bremen, der Chambre des salariés Luxembourg und der Arbeiter­kammern Österreichs, die sich für eine europäische Weiter­bildungsstrategie aussprechen (zum Artikel). Darin fordern sie neben verstärkten Weiterbildungsanstrengungen auch verlässliche und belastbare Rahmenbedingungen sowie gesetzliche Regulierungen.

Zudem haben wir in einem Interview mit der OECD-Wissenschaftlerin Dr. Mariagrazia Squicciarini auch über genderspezifische Aspekte bei der beruflichen Weiterbildung gesprochen, insbesondere über den sogenannten „Digital Gender Divide“. Im Interview erläutert sie, wie man Geschlechter­unterschiede bei den Fähigkeiten und Skills am besten adressieren kann (zum Artikel).

Facettenreiche Diskussion zur Zukunft der Arbeit

Schließlich haben wir mit dem Vorsitzenden des europäischen Netzwerks Public Employment Services (PES), Dr. Johannes Kopf, über die (digitalisierungs­getriebenen) Veränderungen in der Arbeitsvermittlung und -beratung sowie die Herausforderungen neuer digitaler Arbeitswelten gesprochen (zum Artikel).

Neben dem digitalen Wandel, der im Zentrum dieses Begleitbandes steht, trans­formieren auch weitere Megatrends, wie beispielsweise der ökologische Wandel, die Arbeitswelt. Dr. Frank Siebern-Thomas, Endre Gyorgy und Katarina Jaksic aus der Generaldirektion EMPL der Europäischen Kommission skizzieren deshalb in einem Beitrag die arbeitsmarktpolitischen Folgen eines klimagetriebenen Strukturwandels (zum Artikel).

Mit den folgenden Beiträgen wollen wir ein facettenreiches Bild bieten, das uns bei der Diskussion „Wie können wir gemeinsam die Arbeit der Zukunft / die Zukunft der Arbeit gestalten?“ Impulse geben kann.

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