DE
|
EN
Analyse

Die Arbeitswelt im Zeitalter intelligenter Tools und Systeme: der Weg zu einem gerechten Wirtschaftssystem

Text: Martin Kenney, John Zysman, Dafna Bearson, Christopher Eldred

Intelligente digitale Tools verändern unsere Volkswirtschaften tief greifend und stellen die heutigen Verantwortungsträger*innen vor entscheidende Herausforderungen. Ähnlich wie Fabriken in vergangenen Jahrhunder­ten verändern insbesondere Plattformen die Arbeitswelt, die Wertschöpfung und die Wertabschöpfung grundlegend. Technologische Entwicklungen sind aber kein unausweichliches Schicksal – die Entwicklung und der Einsatz intelligenter Tools lassen sich aktiv gestalten und somit beeinflussen.1

BIO

Das Team, das sich bei BRIE (Berkeley Round­table on the International Economy) und CITRIS (Center for Information Technology Research in the Interest of Society) mit dem Thema „Zukunft der Arbeit“ beschäftigt, befasst sich mit grundlegenden Fragen, die sich Gemeinwesen und Gesellschaften weltweit stellen: Welche Auswirkungen haben neue intelligente Tools auf die Arbeitswelt und die Wirtschaft? Werden sie wirtschaftliche Ungleichheiten verschärfen und weitreichende soziale Unruhen auslösen? Oder können sie Gemeinwesen und Gesellschaften zu mehr Wohlstand und steigenden Lebensstandards verhelfen?

Diese Fragestellungen sind nicht neu. In den 1980er-Jahren hielt die elektronische Datenverarbeitung Einzug in die Arbeitswelt – intelligente Tools haben also bereits seit Jahrzehnten erheblichen Einfluss auf die Arbeitswelt und die Wirtschaft a. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten haben schier grenzenlose Rechnerleistung, Speichermöglichkeiten, größere Bandbreiten sowie Daten einer neuen Generation intelligenter Tools und Systeme den Weg bereitet – einer Generation, die bedeutend leistungsfähiger und allgegen­wärtiger ist als ihre Vorgänger 2b. Diese neuartigen Tools umfassen die unterschiedlichsten Techno­logien, von einfacher IT und Software bis zu hochentwickelter Robotik und Sensorik, 3D-Druckern, Plattformen, KI, vernetzten cyber-physischen Systemen und mehr. Zusammengenommen lösen sie tief greifende Veränderungen in der Arbeitswelt und dem Wettbewerbsumfeld in allen Branchen aus – auch im Dienstleistungsbereich, in der Industrie und der Landwirtschaft.c Diese Technologien beflügeln gleichermaßen Zukunftsängste wie Hoffnungen für die Weltwirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

In diesem Beitrag möchten wir drei Punkte herausstellen, die Ergebnis unserer Arbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales und mehreren deutschen Forschungsinstituten sind.d

Erstens verändern digitale Plattformen die Wirtschaft sowie die Arbeitswelt und die Wertschöpfung grundlegend und sind daher ein entscheidender Ansatzpunkt für jede Form des Dialogs über die Auswirkungen intelligenter Tools.

Zweitens ist der Einsatz „schwacher“ Künstlicher Intelligenz (KI) über alle Bereiche hinweg in der Tat sehr weitreichend, die Angst, dass „starke“ KI den Menschen ersetzt, ist jedoch unbegründet.

Drittens sind die Auswirkungen von Plattformen, KI und anderer intelligenter Tools auf die Arbeitswelt und die Beschäftigten kein Automatismus, sondern sie hängen davon ab, wie und zu welchem Zweck die Tools eingesetzt werden.

Niemand kann die langfristigen Auswirkungen intelligenter Tools vorhersagen, aber wie die BRIE-Mitbegründerinnen Laura Tyson und Susan Lund vom McKinsey Global Institute kürzlich in einem Meinungsartikel ausgeführt haben, lösen sie große Umwälzungen aus, wie beispielsweise sich verändernde Kompetenzanforderungen, strukturelle Arbeitslosigkeit und die Umstrukturierung ganzer Branchen e. Für unsere Forschung gehen wir jedoch von der Hypothese aus, dass intelligente Tools auch einen Beitrag zu gerechten und florierenden Gemeinwesen leisten können, die wiederum Grundvoraussetzung für intakte Gesellschaften sind. Durch unsere Entscheidungen können wir die Auswirkungen intelligenter Tools gestalten. Dies bedeutet wiederum, dass Entscheidungsträger*innen sich Gedanken darüber machen müssen, wer diese Entscheidungen trifft und welche Ziele und Anreize dabei eine Rolle spielen.

„Die Umstrukturierung der Wirtschaft durch digitale Plattformen ist die bedeutendste Transformation im Zeitalter intelligenter Tools. “

Der Aufstieg der Plattformökonomie

Die Umstrukturierung der Wirtschaft durch digitale Plattformen ist die bedeutendste Transformation im Zeitalter intelligenter Tools. Die Strukturen und Funktionen von Plattformen sind vielfältig, ein gemeinsames Merkmal digitaler Marktplatzplattformen ist jedoch, dass es sich um „Orte“ handelt, an denen die Teilnehmenden online agieren, interagieren und Transaktionen durchführen können. Plattformen beruhen auf Cloud-Computing, riesigen Datenmengen, hoch entwickelten Algorithmen sowie einer enorm hohen, ständig wachsenden Zahl an miteinander verbundenen Geräten.3 Die Nutzung von Plattformen durch Firmen wie Amazon, Apple (App Store), Facebook, Google, Microsoft, Salesforce, Uber, Flexport, Airbnb und Spotify verändert unsere Arbeitsweise, die Wertschöpfung und den Wettbewerb um die daraus resultierenden Gewinne radikal.

Plattformunternehmen sind omnipräsent, stellen Branchengrenzen infrage und verändern die Struktur ganzer Branchen – von der Automobil­industrie über den Einzelhandel bis hin zum Luftverkehr und Gesundheitssektor. Dabei ist es enorm wichtig, das Ausmaß des Einflusses von Plattformen auf die Wirtschaft umfassend zu verstehen: BRIE entwickelt daher Ansätze zur Messung der Auswirkungen von Plattformen. In unseren jüngsten Forschungsergebnissen gehen wir davon aus, dass 31 der bedeutendsten digitalen Plattformen theoretisch Einfluss auf 70 Prozent der US-amerikanischen Betriebe haben.4 Diese Auswirkungen sind von erheblicher Tragweite: Beispielsweise hat Amazon das Buch­handelswesen, den Einzelhandel und die Logistik­branche revolutioniert; Google Maps hat unser räumliches Vorstellungsvermögen verändert; die Suchfunktion von Google hat die Rolle von Biblio­theken und der Presse umgekrempelt; Restaurants sind abhängig von guten Beurteilungen bei Google und Yelp.

„Aufgrund ihrer Größe und Nutzerfreundlichkeit werden Plattformen für eine bereits signifikante und weiter steigende Anzahl an wirtschaftlichen Transaktionen zur Anlauf­station der ersten Wahl. “

Plattformen revolutionieren Unternehmensstrategien

BRIE hat drei wichtige Punkte erforscht, wie Plattformen die Wirtschaft verändern: Erstens verändern Plattformen die Wertschöpfung und die Wertabschöpfung von Firmen. Aufgrund ihrer Größe und Nutzerfreundlichkeit werden Platt­formen für eine bereits signifikante und weiter steigende Anzahl an wirtschaftlichen Trans­aktionen zur Anlaufstation der ersten Wahl. Dieser Trend beschleunigt die Transformation des Dienstleistungssektors. Firmen, deren Wertabschöpfung einst vom Verkauf von Produkten bestimmt war, stellen sich zunehmend breiter auf, indem sie Produkte mit Dienstleistungen verknüpfen. Führen Sie sich in diesem Zusam­menhang z. B. einmal vor Augen, wie eine Firma, die Hafenkräne verkauft, ihren Kunden mittlerweile dank digitaler Sensoren, Analysen und Benutzeroberflächen komplette Hafendienstleistungen anbietet oder wie ein Landmaschinenunternehmen nun zusätzlich sensorgesteuerte Ackerbausysteme zum Portfolio hinzufügt.f Zudem ordnen Plattformen die Wirtschaftsgeografie neu, angefangen bei der lokalen Ebene bis hin zur Weltkarte. Dieser Prozess ist vergleichbar mit der Umgestaltung der Wirtschaftsstruktur der USA durch das Entstehen von Fabriken im Mittleren Westen. Diese geografischen Verschiebungen laufen darauf hinaus, dass Konzernentscheidungen, die die globale Arbeitswelt und die Wertschöpfung maßgeblich beeinflussen, heute in einigen wenigen Schaltzentralen an der Westküste der USA getroffen werden.5

Plattformen verändern die Arbeitswelt

Zweitens verändern Plattformen die Arbeitswelt und die Einkommensgenerierung. Um diesen Wandel zu verdeutlichen, hat BRIE ein Klassifikationssystem für die Arbeitswelt und die Wertschöpfung in der Plattformökonomie entworfen.6 Diese Taxonomie unterscheidet zwischen Plattformunternehmen und ihren gut bezahlten eigenen Arbeitnehmer*innen, deren Arbeitsplätze relativ sicher sind, sowie anderen Akteuren der Plattformökonomie wie Einzelpersonen und Unternehmen, die meistens dafür relativ schlecht bezahlt werden, egal ob sie Waren auf Markt­plätzen wie Amazon oder Etsy verkaufen, personenbezogene Dienstleistungen bei Uber oder Eldercare.com anbieten oder durch das Posten ihrer kreativen Inhalte auf Plattformen wie YouTube oder SoundCloud einen Anteil an den Werbeeinnahmen erhalten. Gleichzeitig posten Milliarden von Menschen Inhalte bei Google, Yelp, Facebook & Co. und generieren so quasi kostenlos Werte für die weltweit größten Konzerne. In der Summe zeigt das Klassifikationssystem von BRIE auf, wie der Einfluss von Plattformen auf die Arbeitswelt weit über die viel diskutierte „Gig Economy“ hinausgeht.

Digitale Plattformen haben den langfristigen Trend hin zu einer Fragmentierung des Arbeitsmarktes und hin zu prekärer Beschäftigung weiter verschärftg. Zunehmend beschäftigen Plattformen Menschen, die in ihrem Kerngeschäft tätig sind, als klassische Arbeitnehmer*innen, während sie eine Vielzahl ständig unter Beobachtung stehender Personen, die von vie­len unterschiedlichen Standorten aus arbeiten, atypisch beschäftigen, wodurch eine Kluft zwischen „Insidern“ und „Outsidern“ entsteht.h

Gewiss ist, dass die Anzahl atypisch Beschäftigter zu niedrig geschätzt wurde, eventuell aufgrund der Tatsache, dass viele über Plattformen vermit­telte Tätigkeiten in Teilzeit ausgeübt werden. Die wachsende Zahl an Steuererklärungen, die in den USA in die Kategorie „IRS 1099-K“ fallen, d. h. von Beschäftigen eingereicht werden, die elektronisch bezahlt werden, im Verhältnis zu sonstigen Steuererklärungen, ist ein Indiz für den rasanten Anstieg an Plattformtätigen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Beschäftigten.i

„Die Veränderung der Arbeitswelt und Wertschöpfung durch Platt­formen stellt eine Herausforderung für die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit dar. “

Die Veränderung der Arbeitswelt und Wert­schöp­fung durch Plattformen stellt eine Heraus­forderung für die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit dar. Die Zunahme an gut bezahlten Arbeitsplätzen bei Plattformunternehmen beschränkt sich nach wie vor auf einen kleinen Anteil aller durch Plattformen möglich gewordenen Tätigkeiten. Auch wenn über Plattformen vermittelte Tätigkeiten mitunter Flexibilität, Unabhängigkeit und kreative Freiräume mit sich bringen mögen, ist unklar, ob sich damit – abgesehen von einigen Ausnahmen – existenzsichernde Löhne erzielen lassen. Schließlich sollten die Auswirkungen der kostenlosen Bereitstellung von Werten durch Nutzer*innen von Plattformen auf den gemeinsamen Wohlstand untersucht werden.

Plattformen häufen Regulierungsmacht an

Drittens werden Plattformen momentan quasi automatisch für große Teile des Wirtschafts­geschehens zu privaten Regulierungsinstanzen. Innerhalb ihrer Ökosysteme sind die AGB von Plattformen und die sie umsetzende Computerprogrammierung Gesetz. Denken Sie nur an den Bereich Fahrdienstleistungen. Taxis ist es gesetzlich verboten, mögliche Kunden aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren. Gilt das auch für Uber-Fahrer? Wenn ja, wer setzt dies dann durch? Uber oder der Staat? Wie können soziale, politische und wirtschaftliche Ziele und Werte in Programmcodes abgebildet werden, wenn die Bemerkung von Larry Lessig stimmt, dass der Programmcode Gesetz ist?j Auf diese Fragen gibt es noch keine Antworten.

Amazon Marketplace steht exemplarisch für die Herausforderungen, die private Regulierung für Beschäftigte und Unternehmer*innen mit sich bringt. Zwar können Millionen Verkäufer*innen in Sekundenschnelle einen Markt für ihre Produkte bei Amazon finden, aber die Plattform kann ihre Tätigkeiten überwachen und Produkte von Wettbewerber*innen ein­stellen, die Amazon bei der Platzierung, den Beurteilungen und durch verschiedene andere Praktiken bevorzugen kann. Außerdem kann Amazon die Verkaufsgebühren der an sich unabhängigen Verkäufer*innen modifizieren, die Präsentation ihrer Produkte kontrollieren und ihre Konten löschen. Den Entscheidungen von Plattformen können Vorankündigungen vorausgehen, oder sie können sofortige Wirkung entfalten, und es kann schwierig sein, Widerspruch einzulegen – für Unternehmen ein kafkaeskes Umfeld. BRIE hat für die schwierige Situation der von Plattformen abhängigen Unternehmen den Begriff „plattform-abhängiges Unternehmertum“ geprägt. Für von Plattformen abhän­gige Unternehmer*innen sind die nächste „Gehaltsabrechnung“ sowie auch der Fortbestand ihrer Geschäftstätigkeit stets ungewiss.k

Private Regulierung durch Plattformen wirft komplexe Fragen nach der staatlichen Ordnungsmacht in Wirtschaftsfragen und insbesondere nach der Steuerung digitaler Marktplätze auf:

  • Welche öffentliche Instanz, wenn überhaupt, sollte die in Programmcodes enthaltenen Ziele und Werte bestimmen, und wie sollte dies konkret geschehen?

  • Sollten Plattformen ihre AGB willkürlich ändern können oder Zugang zu Daten von Unternehmen haben, mit denen sie womöglich im Wettbewerb stehen?l

  • Braucht es neue Gesetze wie „AB5“ in Kali­­fornien oder den britischen Vorschlag einer Einstufung als „dependent contractor“, d. h. als abhängiger externer Dienstleister?m Oder sollten bestehende Regelungen wie beispielsweise Mindestlohngesetze und soziale Absicherung auch Anwendung auf Plattformen finden?n

Regelungsansätze für die Herausforderungen durch Plattformen

Der Staat ist in der Verantwortung, für die Förderung guter Arbeit und sozialer Gerechtigkeit zu sorgen, wenn eine kleine Anzahl von Unternehmen ganze Branchen privat reguliert. Hier einige Ansätze, die derzeit diskutiert werden:

  • Allgemeine Geschäftsbedingungen: Der Staat könnte Beschränkungen hinsichtlich der AGB erlassen, die Plattformen den Teilnehmenden vorgeben dürfen. Er könnte zudem den Einfluss von Plattformen auf die Beziehungen zwischen den Kund*innen sowie Verkäufer*innen eindämmen, indem staatlich vorgeschrieben wird, dass die Kontaktdaten plattformabhängiger Unternehmer im Zuge einer Transaktion an die Kund*innen weitergegeben werden.

  • Daten: Viele Probleme stehen im Zusammenhang mit Regelungen für Daten. Einige Vorschläge in diesem Bereich laufen auf die Portabilität von Daten hinaus, u. a. um sicherzustellen, dass der faire Wettbewerb vor den monopolistischen Tendenzen der Plattformökonomie geschützt wird.

  • Kartellrecht: Muss das Kartellrecht im Kontext von Plattformökosystemen, bei denen „Winner-takes-it-all-Praktiken“, Netzwerk­effekte und schwer umgehbare „Lock-inEffekte“ Alltag sind, neu gedacht werden?

  • Eigentumsmodelle: Der Staat könnte die Entwicklung von Plattformgenossenschaften als mögliche Alternative zu Plattformunternehmen fördern.o

Insgesamt erfordert die Macht von Plattformen ein Überdenken der Wettbewerbspolitik sowohl in der Frage, auf welche Gefährdungen abgestellt werden muss, als auch in der Frage nach der Messung von Marktmacht. Auf jeden Fall macht die Rolle von Plattformen als privaten, wirtschaftlichen Regulatoren es erforderlich, ein staatliches Gegengewicht zu schaffen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Plattformen das, was Fabriken im 19. Jahrhundert waren: ein neues Modell der Arbeitsorganisation und Wertschöpfung, das auf den neuen Technologien der jeweiligen Ära basiert. Diese Analogie macht das Ausmaß der Herausforderung deutlich. Das Aufkommen industrieller Massenfertigung hat Gesellschaften neu geordnet und zu neuen wirtschaftlichen und sozialen Hierarchien geführt, was den Gesellschaften damals ein hohes Maß an Innovation bei der Bewältigung von Herausforderungen abverlangt hat. Die Machtstellung von Plattformeigentümern ist vielleicht noch herausragender als jene der ersten Fabrikbesitzer, und die maßgeblichen Akteure müssen angesichts dieser Situation kühn denken und handeln.

„Auf jeden Fall macht die Rolle von Plattformen als privaten, wirtschaftlichen Regulatoren es erforderlich, ein staatliches Gegengewicht zu schaffen. “

Der Umgang mit KI-Ängsten

Eines der von Plattformen genutzten Tools ist Künstliche Intelligenz (KI). Sie hat in den letzten Jahren enorme Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der jüngste technologische Fortschritt hat sowohl Euphorie als auch Ängste hinsichtlich der Möglichkeiten von KI ausgelöst. Es stimmt, dass die KI enormes Transformationspotenzial birgt, aber der Hype um die derzeitige Form der KI hält der Rea­lität nicht stand. 7 Für eine Bewertung der kurz­fristigen Auswirkungen von KI ist es von entscheidender Bedeutung, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre grundsätzlichen Begrenzungen zu verstehen. KI ist in der Tat leistungsfähig; hoch entwickelte Roboter, Drohnen, Bild- und Stimmerkennungs-Software und andere durch KI erst möglich gemachte Tools verändern unser gesamtes Umfeld. KI hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaften, beispielsweise in so unterschiedlichen Bereichen wie der Landwirtschaft, dem Einzelhandel und der Strafgerichtsbarkeit. Die Fortschritte bei der KI werfen heikle Fragen bezüglich ihrer Transpa­renz, Robustheit und Rechenschaftspflicht auf – ganz zu schweigen von ihren Auswirkungen auf die Erwerbsbevölke­rung. Es bleibt ein wichtiges Anliegen, KI so zu gestalten, dass sie vertrauenswürdig ist.

Allerdings unterliegt die KI grundlegenden Be­grenzungen. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass die Grundfunktion der meisten KI-Systeme nach wie vor auf statistischer Interferenz beruht. In absehbarer Zukunft wird KI lediglich Probleme in eng abgesteckten Bereichen lösen können.p Viele Ängste hinsichtlich der Auswirkungen digi­taler Technologien betreffen jedoch „starke“ Künstliche Intelligenz auf menschlichem Niveau. Eine solche KI ist aber noch Zukunftsmusik. Hinzu kommt, dass KI nur eines unter vielen leistungsfähigen digitalen Tools ist, die weitreichenden Einfluss auf die Arbeitswelt und Wirtschaft ausüben. Deshalb warnen wir davor, zulasten anderer Tools einen zu großen Fokus auf ein bestimmtes Tool zu legen.

„Die Fortschritte bei der KI werfen heikle Fragen bezüglich ihrer Transparenz, Robustheit und Rechenschaftspflicht auf. “

Einsatz intelligenter Tools

Die Auswirkungen jeglicher Art intelligenter Tools sind kein Automatismus. Trotz des Hypes und der Verzweiflung angesichts intelligenter Tools können sie positive und negativen Auswir­kungen auf die Beschäftigten und die Wirtschaft haben.8 Welches dieser beiden Szenarien Wirklichkeit wird, hängt entscheidend davon ab, wie die Tools entwickelt, eingesetzt und genutzt werden. Genau diese Punkte sind auch Gegenstand unserer Forschungsarbeit.

Erweiterte Intelligenz: Tools zur Leistungs­steigerung von Beschäftigten

Dem Potenzial intelligenter Tools, Beschäftigte zu ersetzen, wird übergebührend viel Aufmerksamkeit gewidmet. Oft hört man, dass Beschäftigte ihrem Betrieb keinen Mehrwert mehr bringen, sobald ihre Aufgaben von einem Tool kostengünstiger oder schneller erledigt werden können. Der bloße Einsatz neuer Tools bedeutet jedoch nicht, dass Beschäftigte ersetzt oder marginali­siert werden. Intelligente Tools können Beschäftigte unverzichtbarer und ihre Betriebe gleichzeitig produktiver machen, je nachdem, wie ihr Einsatz sich im Rahmen der Unternehmensstrategie und der Philosophie des Managements konkret gestaltet.

Dies hängt damit zusammen, dass Beschäftigte häufig über Wertschöpfungsfähigkeiten verfügen, die über die Bearbeitung eng begrenzter Aufgaben hinausgehen. Zu diesen Fähigkeiten gehören bestimmte technische Kompetenzen, ein großer Pool an informellem Wissen und Erfahrungen, ein Verständnis für den Kontext, die Fertigkeit, anderen die Funktion bzw. die Ergebnisse der Tools zu erklären, sowie viele andere Fertigkeiten, die Tools nicht ersetzen können. Ignoriert das Management diese Fähigkeiten, funktionieren Tools, die Beschäftigte ersetzen, möglicherweise nicht so gut wie gedacht. Ein gutes Beispiel hierfür ist, wie dem Management angesichts von Produktionsproblemen in einer hochautomatisierten Tesla-Fabrik bewusst wurde, wie wertvoll in einem komplexen Umfeld die Anpassungsfähigkeit von Menschen an ungeplante Umstände ist.q Setzt man umgekehrt Tools so ein, dass sie diese menschlichen Fähigkeiten erweitern, können Beschäftigte besser zur Wertschöpfung beitragen und Firmen produktiver arbeiten.

Bei Firmen, deren Ziel es ist, die Fähigkeiten ihrer Beschäftigten zu erweitern, lassen sich häufig bestimmte Strategien beobachten. Oft binden sie die Beschäftigten frühzeitig ein, und beim Einsatz der Tools wird ihre Meinung dazu berücksichtigt, wie und wo die Tools einen Mehrwert bringen könnten. Diese Firmen investieren zudem häufig in Weiterbildungs- oder andere Personal­ent­wicklungsmaßnahmen, damit die Beschäftig­ten über die notwendigen Fähigkeiten verfügen, um neue Tools zu nutzen. Außerdem neigen diese Firmen dazu, den Einsatz intelligenter Tools als einen sich wiederholenden Prozess zu betrachten. Sie testen Lösungen in kleinerem Rahmen und holen das Feedback ihrer Beschäftigten ein, bevor sie sie in der Breite einsetzen, anstatt eine statische, vom Verkäufer vorgegebene Lösung einzukaufen.r An AO Johansen, einem dänischen Großhändler von Baubedarf, dessen digitaler Umbau von unserem dänischen Koope­rationspartner untersucht und dokumentiert wurde, werden die Komplexität und das positive Potenzial eines solchen Einsatzes intelligenter Tools deutlich. Jenseits der Unternehmensstrategie beeinflusst die Gestaltung der Benutzer­oberflächen der Tools, ob sie die Fähigkeiten der Beschäftigten erweitern. Intelligente Tools basieren auf der Flexibilität programmierbarer Rechner, was bedeutet, dass sie vermutlich anpassbarer sind als technologische Neuerungen der Vergangenheit. In vielen Fällen lassen sich die Oberflächen so anpassen, dass sie die wertschöpfenden Fähigkeiten der Beschäftigten erweitern. BRIE-Kooperationspartner haben bei ihren Forschungsarbeiten festgestellt, dass digitale Tools um innovative Features ergänzt werden, wodurch die Fähigkeiten der Beschäf­tigten im Vergleich zur Arbeit mit früheren Oberflächen erweitert werden.s

Möglicherweise kommt die Erweiterung der Fähigkeiten der Beschäftigten ihren Firmen wie auch ihnen selbst zugute. Aus ersten Forschungsergebnissen von BRIE-Kooperationspartnern in der Automobilindustrie geht hervor, dass Firmen, die ihre Beschäftigten als eine Ergänzung zur Informationstechnologie sehen, häufig bessere Resultate beim Einsatz von Robotern erzielen als Firmen, die Informationstechnologie als Ersatz für ihre Beschäftigten betrachten. Außerdem können erstere ihre Kosten stärker senken und Umstellungen schneller bewerkstelligen. Umgekehrt ist die Produktivität je Beschäftigter und Beschäftigtem bei Firmen, die IT als Ersatz von Arbeitskraft sehen, um 10.000 US-Dollar niedriger als in Firmen, die in ihr ein Ergänzungspotenzial sehen. t Diese vorläufigen Ergebnisse deuten auf eine potenzielle Win-Win-Situation beim Einsatz intelligenter Tools hin.

Förderung Erweiterter Intelligenz: Ansätze für Entscheidungsträger*innen

Was können die beteiligten Akteure tun, um angesichts von Automatisierung Win-Win-Situa­tionen zu schaffen? Eine wirksame Maßnahme könnte darin bestehen, ein anderes Narrativ darüber zu verbreiten, wie Firmen intelligente Tools nutzen können, um am Markt erfolgreich zu sein. So müsste in der betriebswirtschaftlichen Fachliteratur stärker in den Fokus gerückt werden, dass es sich auszahlt, in die Fähigkeiten der Beschäftigten zu investieren, anstatt sie als zu reduzierenden Kostenfaktor zu betrachten.

„Eine wirksame Maßnahme könnte darin bestehen, ein anderes Narrativ darüber zu verbreiten, wie Firmen intelligente Tools nutzen können, um am Markt erfolgreich zu sein. “

Der nächste Schritt unseres Projektes wird darin bestehen, eine Fallsammlung mit Beispielen zusammenzustellen, wie Beschäftigte durch den Einsatz von KI-Tools wertvoller wurden und Unternehmen florierten. Außerdem könnten Regierungen sowie Philanthropinnen und Philanthropen Gelder für Wettbewerbe zur Verfügung stellen, die Erweiterte Intelligenz und einen besseren Austausch zwischen Gehirnforscher*innen und den Entwickler*innen intelligenter Tools fördern. Weitere Maßnahmen, die einen gewinnbringenden Einsatz dieser Tools fördern könnten, sind beispielsweise passgenaue F&E-Anreize, Gesetze zu Kapital und Steuerflucht sowie Investitionen in Weiterbildung und in Maßnahmen, die die Arbeitnehmerbeteiligung bei Entscheidungen über den Einsatz intelligenter Tools durch die Stärkung von Gewerkschaften oder anderer Mechanismen fördern.u

Höchstwahrscheinlich wird es auch zum Verlust von Arbeitsplätzen kommen – angesichts dieser Tatsache werden Investitionen in Fortbildungsmaßnahmen ein Bestandteil wirksamer Metho­den zur Befähigung von Beschäftigten sein. Jedoch kann ein neues Narrativ über die Chancen des Einsatzes intelligenter Tools dazu beitragen, den Abbau von Arbeitsplätzen zu minimieren, und gleichzeitig den Weg für eine effektive Umschulung von Beschäftigten aufzeigen, die ein solches Angebot benötigen.

Die verschiedenen Automatisierungsszenarien verdeutlichen ein wichtiges, übergeordnetes Merkmal intelligenter Tools: Ihre Auswirkungen sind kein Automatismus. In einigen Fällen, z. B. bei Plattformen, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass intelligente Tools zur wirtschaftlichen Ungleichheit beitragen. Allerdings bergen sie eben auch Chancen.

Fazit

Die Ära intelligenter Tools bringt tief greifende Veränderungen mit sich. Plattformen lösen volkswirtschaftliche Umstrukturierungen aus und verändern Wertschöpfungsprozesse sowohl für Einzelne als auch für Firmen. Außerdem werden Plattformen in ihren wachsenden Bereichen zu privaten Regulierungsinstanzen. Zwar ist KI eine äußerst leistungsfähige Technologie, jedoch wurde sie etwas zu sehr gehypt. Zudem sind die Auswirkungen von Plattformen, KI und anderer intelligenter Tools nicht vor­gegeben, sondern sie sind stark abhängig davon, wie genau sie heute und in Zukunft eingesetzt und reguliert werden.

Die Zunahme von Ungleichheit in entwickelten Volkswirtschaften ist Ergebnis eines Knäuels sich gegenseitig bedingender Faktoren:

  • Es wird gemeinhin davon ausgegangen, dass der Einsatz intelligenter Tools zumindest einzelne Tätigkeiten von Beschäftigten, wenn nicht ganze Arbeitsplätze ersetzen wird – zugunsten von Personen mit bestimmten Kompetenzen und zulasten anderer.

  • Wettbewerbsdruck im Welthandel legt die Suche nach schnellen Produktivitätslösungen nahe.

  • Die Schwächung von Gewerkschaften schafft Bedingungen, die Unternehmen dazu ver­leiten, den scheinbar leichten Weg des Ersatzes von Arbeitskräften durch Automatisierung zu gehen, anstatt den schwierigeren, aber potenziell produktiveren Ansatz der Erwei­terten Intelligenz zu verfolgen.

  • Die Steuerpolitik schafft Anreize für Investitionen in Kapital anstatt in Arbeitskräfte.

Plattformen konzentrieren bereits heute gesellschaftlichen Wohlstand in den Händen weniger Beschäftigter und Unternehmen. Plattformgestützte Tätigkeiten sind stark polarisierter Natur, egal ob es sich um eine technologische und wirt­schaftliche Notwendigkeit oder um eine bewusste gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entscheidung handelt. Hinzu kommt, dass aufgrund der Winner-takes-it-all-Tendenzen bei Plattformen immer mehr Bereiche der Wirtschaft von einigen wenigen zentralen Firmen beherrscht werden. Diese dominanten Unternehmen sichern sich durch Rent-Seeking-Praktiken und ihren Superstarstatus einen immer größeren Teil des wirtschaftlichen Kuchens. Es spricht Bände, dass nahezu alle aktuellen Kurssteiger­ungen an den Aktienmärkten sich auf fünf Plattformfirmen konzentrierenv. Sofern die Politik nichts gegen diese Trends unternimmt, werden sie auch weiterhin Auslöser von wirtschaftlichen Ungleichheiten sein.

Gleichzeitig bieten intelligente Tools unzählige Chancen für die Arbeitsmärkte und die Wirtschaft. Neue Arbeitsformen und neue Arten der Wertschöpfung gehen mit der Chance einher, dass mehr Menschen flexibler, unabhängiger und kreativer arbeiten können als jemals zuvor. Neue Formen des Unternehmertums entstehen. Gemeinsam können Firmen und ihre Beschäftigten Technologie produktivitätssteigernd einsetzen und dabei auch den allgemeinen Wohlstand mehren.

„Die Auswirkungen von Plattformen, KI und anderer intelligenter Tools sind nicht vorgegeben, sondern stark abhängig davon, wie genau sie heute und in Zukunft eingesetzt und reguliert werden.“

Wir können die Entwicklung und den Einsatz intelligenter Tools und Plattformen gestalten. Wir können zulassen, dass sie nur einigen wenigen Bürger*innen sowie Beschäftigten zugutekommen und alle anderen zu den Verlierern gehören. Die Alternative ist, dass diese Tools in den nächsten Jahrzehnten genutzt werden, um gute Arbeit, faire Gemeinwesen und intakte Gesell­schaften voranzubringen. Sowohl die Forschung als auch die Politik und die Unternehmen sind gefragt. Die Zukunft intelligenter Tools lässt sich nur schwer vorhersagen, aber wir können sie gestalten.

„Die Zukunft intelligenter Tools lässt sich nur schwer vorhersagen, aber wir können sie gestalten. “

** Dieser Beitrag beruht auf Arbeiten von BRIE /CITRIS, von denen ein Großteil zusammen mit dem BMAS durchgeführt wurde, darunter: vgl. Fußnoten zwei bis acht.

Fussnoten

1.
Ein Projekt des Berkeley Roundtable on the International Economy, des Center for Information Technology Research in the Interest of Society sowie des Banatao-Instituts.
2.
Zysman, John and Kenney, Martin. (2018). “The Next Phase of the Digital Revolution: Intelligent Tools, Platforms, Growth, Employment.” Communications of the ACM 61, no. 2, p. 54–63.
3.
Kenney, Martin and Zysman, John. (2016). “The Rise of the Platform Economy.” Issues in Science and Technology 32, no. 3, pp. 1.
4.
Kenney, Martin, Bearson, Dafna, and Zysman, John. (2019). “The Platform Economy Matures: Pervasive Power, Private Regulation, and Dependent Entrepreneurs.” BRIE Working Paper Series, pp. 10. Retrieved from https://brie.berkeley.edu/sites/default/files/platform_economy_matures_final.pdf
5.
Kenney, Martin and Zysman, John. (2020). “The Platform Economy and Geography: Restructuring the Space of Capitalist Accumulation.” Forthcoming in the Cambridge Journal of Regions, Economy and Space, p. 1.
6.
The taxonomy describes platform firm workers, platform-mediated workers, platform-mediated content creators, and platform-mediated funding recipients. Bearson, Dafna, Kenney, Martin, and Zysman, John. (2019). “Labor in the Platform Economy: New Work Created, Old Work Reorganized, and Value Creation Reconfigured.” BRIE Working Paper Series,. pp. 38. Retrieved from https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3363003
7.
Nitzberg, Mark, Seppala, Timo, and Zysman John. (2019). “The hype has eclipsed the limitations of third-wave artificial intelligence.” ETLA: The Research Institute on the Finnish Economy. Retrieved from https://www.etla.fi/en/latest/the-hype-has-eclipsed-the-limitations-of-third-wave-artificial-intelligence/
8.
Zysman, John, Kenney, Martin, and Tyson, Laura. (2019). “Beyond Hype and Despair: Developing Healthy Communities in the Era of Intelligent Tools.” Munk School of Global Affairs & Public Policy, University of Toronto, Innovation Policy White Paper Series 2019-1. Retrieved from https://munkschool.utoronto.ca/ipl/files/2019/02/IPL-White-Paper-2019-01-Updated.pdf
* Alphabetische Referenzen finden sich unter https://brie.berkeley.edu/bmaseupresidency
Seite teilen