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Perspektiven

Bildungskarenz und Bildungsteilzeit in Österreich

Text: Julia Bock-Schappelwein, Ulrike Famira-Mühlberger und Ulrike Huemer

Aus- und Weiterbildung kosten Zeit und Geld. Mit der Bildungskarenz (Weiterbildungsgeld) und der Bildungsteilzeit (Bildungsteilzeitgeld) stehen unselbstständig Beschäftigten in Österreich zwei Instrumente zur Verfügung, die eine bildungsbedingte Erwerbsauszeit bzw. eine bildungsbedingte Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit mit einem teilweisen Ausgleich des damit verbundenen Erwerbseinkommensentfalls kombinieren.

BIO

Das Instrument der Bildungskarenz1 wurde 1998 in Österreich eingeführt. Unselbstständig Beschäftigte können sich gegen Entfall der Bezüge für Weiterbildungszwecke freistellen lassen und wer­den in dieser Zeit mit dem Weiterbildungsgeld finanziell unterstützt. Seither wurde die Bildungs­karenz in mehreren Schritten angepasst (siehe dazu beispielsweise Lassnigg, Unger, 2014)2. Eine wesent­liche Neuausrichtung erfolgte unmittelbar vor Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschafts­krise zu Jahresbeginn 2008, als die finan­zielle Absicherung von einem Fixbetrag im Ausmaß von 14,53 Euro / Tag auf die Höhe des fiktiven Arbeits­losengeldbezugs3 merklich angehoben und die erforderlichen Vorbeschäftigungszeiten von ursprünglich drei Jahren (Bock-Schappelwein, Huemer, Pöschl, 2006)4 auf ein Jahr bzw. aktuell seit der Reform 2013 auf ein halbes Jahr verringert wurden.

Zur Jahresmitte 2013 wurde die Bildungskarenz um das Instrument der Bildungsteilzeit erweitert, damit sich Arbeitskräfte während einer Weiterbildung nicht mehr gänzlich freistellen lassen müssen. Die Reduk­tion der Erwerbsarbeitszeit während der Bildungsteilzeit muss zwischen 25 Prozent und 50 Prozent der bisherigen Normalarbeitszeit betragen, die verbleibende Erwerbsarbeitszeit muss mindestens jedoch zehn Stunden pro Woche um­fassen. Die Höhe der Einkommensersatzleistung (Bildungsteil­zeitgeld) hängt vom Ausmaß der Ar­beitszeitreduktion ab; der Tagsatz beträgt 0,83 Euro für jede volle Arbeitsstunde (0,83 * Stunden * 30 Tage), um die die wöchentlich Normalarbeitszeit verringert wird bzw. maximal 498 Euro pro Monat.

Welche Art von Kursen wird gefördert? Was ist nachzuweisen?

Ziel beider Instrumentarien ist die finanzielle Unterstützung während einer beruflichen Weiter­bildung – beispielsweise beim Nachholen von Schul- oder Studienabschlüssen oder auch beim Besuch von Fremdsprachenkursen –, damit Arbeitskräfte ihre Beschäftigungsfähigkeit in einem sich wandelnden wirtschaftlichen und strukturellen Umfeld erhalten bzw. verbessern können.

In der Bildungskarenz sind mindestens 20 Wochenstunden an Bildungsaktivität nachzuweisen (16 Stunden für Personen mit betreuungspflichtigen Kindern unter sieben Jahren), im Falle der Bildungsteilzeit zehn Stunden. Im Falle eines Studiums ist bei der Bildungskarenz nach einem Semester (sechs Monate) ein Nachweis von Prüfungen über vier Semester­wochenstunden oder ein Nachweis von acht ECTSPunkten pro Semester oder eine Bestätigung über den Fortschritt der Abschlussarbeit (z. B. Diplomarbeit) oder eine Bestätigung über die Vorbereitung auf eine abschließende Prüfung vorzulegen. Bei Bildungsteilzeit sind Prüfungen über zwei Semester­wochenstunden oder ein Nachweis von vier ECTS-Punkten oder eine Bestätigung über den Fortschritt der Abschlussarbeit zu erbringen. Die Zuerkennung erfolgt durch das Arbeitsmarktservice (AMS).

Wer wird gefördert?

Die Anspruchsvoraussetzungen5 umfassen neben der Zustimmung des Arbeitgebers die Erfüllung der arbeitslosenversicherungsrechtlichen Anwartschaft und eine ununterbrochene Mindestbeschäftigungsdauer über der Geringfügigkeitsgrenze (2020: 460,66 Euro / Monat) im gegenwärtigen Arbeitsverhältnis von sechs Monaten (Sonderbestimmungen für Saisonarbeitskräfte). Außerdem sind dem AMS das Weiterbildungsvorhaben zu erklären und die erforderlichen wöchentlichen Weiterbildungsstunden zu belegen.

Wie lange erstreckt sich die finanzielle Förderung? Wie oft kann diese beantragt werden?

Die Bildungskarenz muss mindestens zwei Monate und kann höchstens ein Jahr dauern, die Phase der Bildungsteilzeit zwischen vier Monaten und höchstens zwei Jahren. Die Bildungskarenz kann auch in Stücken in Anspruch genommen werden, wobei ein Teil min­des­tens zwei Monate dauern muss. Die Bildungsteilzeit kann ebenfalls geteilt werden, wobei die Mindest­dauer vier Monate betragen muss. Alle Teile müssen innerhalb von vier Jahren ab Beginn der ersten Bildungs­phase konsumiert werden. Bildungskarenz und Bildungsteilzeit können zudem kombiniert werden. (Ein Tag Weiterbildungsgeld entspricht zwei Tagen Bildungs­teilzeitgeld.) Bildungskarenz und Bildungsteilzeit können nach Ablauf von vier Jahren ab dem Antritt der ersten Bildungsphase erneut beantragt werden.

Wer nimmt die Instrumentarien in Anspruch?

Im Jahr 2018 bezogen insgesamt 10.035 Personen im Rahmen der Bildungskarenz Weiterbildungsgeld und 3.653 Personen Bildungsteilzeitgeld im Rahmen der Bildungsteilzeit (Abbildung 1). Die Finanzierung erfolgt aus der Arbeitslosenversicherung. Die jähr­lichen Gesamtausgaben inklusive Sozialversicherung zur Bildungskarenz betrugen 2018 190,5 Millionen Euro und für die Bildungsteilzeit 21,6 Millionen Euro (BMASGK, 2019)6. Bildungskarenz und Bildungs­teilzeit werden überproportional häufig von Frauen7 bzw. Personen im Haupterwerbsalter in Anspruch genommen, seltener von Personen ohne öster­reichische Staatsbürgerschaft bzw. mit Migrationshintergrund (erste Generation) sowie Personen ab 50 Jahren. Fast die Hälfte aller Teilnehmenden haben mindestens die Matura abgelegt (BMASGK, 2019).


Die Instrumente werden somit überproportional stark von Höherqualifizierten bzw. von Personen mit einer hohen (Weiter-)Bildungsneigung in Anspruch genommen, während die Bildungskarenz und auch die Bildungsteilzeit kaum für den Erwerb von Grundqualifikationen (Pflichtschulabschluss, Lehre, Abschluss einer berufsbildenden mittleren Schule) genutzt wird. Grund dürften die Begrenzung der Förderdauer auf ein bzw. zwei Jahre sein sowie die ungleich schlechtere finanzielle Absicherung Geringqualifizierter, weil nicht nur ihr Einkommen vor der Inanspruchnahme häufig merklich niedriger ausfällt als bei Höherqualifizierten, sondern entsprechend auch die Einkommensersatzleistung während der Bildungsphase.


Fussnoten

1.
Dieser Beitrag stellt eine aktualisierte Version von Auszügen aus dem WIFO-Monatsbericht 90(5) dar: Bock-Schappelwein, J., Famira-Mühlberger, U., Huemer, U. (2017). Instrumente der Existenzsicherung in Weiterbildungsphasen in Österreich, WIFO-Monatsberichte 90(5), S. 393–402.
2.
Lassnigg, L., Unger, M. (2014). Die Bildungskarenz als Lückenbüßer der sozialen Absicherung von Studierenden? Ein ambitioniertes Programm findet seine Ziele, WISO-Sonderheft, 37, S. 15–45.
3.
Grundsätzlich 55 Prozent des berechneten Nettobetrages. Personen in Bildungskarenz sind kranken-, pensions- und unfallversichert (AK Wien, 2017).
4.
Bock-Schappelwein, J., Huemer, U., Pöschl, A. (2006). Teilstudie 9: Aus- und Weiterbildung als Voraussetzung für Innovation, in: Karl Aiginger, Gunther Tichy, Ewald Walterskirchen (Projektleitung und Koordination), WIFO-Weißbuch: Mehr Beschäftigung durch Wachstum auf Basis von Innovation und Qualifikation, WIFO-Monographien, Wien.
5.
§ 11 und 11a AVRAG, § 26 Abs. 1 Z 1 ALVG, § 26a ALVG, SRÄG 2013, Landarbeitsgesetz § 39e (AK Wien, 2017).
6.
BMASGK. (2019). Aktive Arbeitsmarktpolitik in Österreich 2014–2019, Wien, https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=447
7.
Einzig im Krisenjahr 2009 sank der Frauenanteil auf unter 50 Prozent, als viele Unternehmen die Bildungskarenz als Alternative zur Kurzarbeit einsetzten.
8.
Sozialministerium. (2017). Bildungskarenz und Bildungsteilzeit. Ein Leitfaden für die Ausübung der Bildungskarenz und Bildungsteilzeit, Wien.
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