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Analyse

Aus- und Weiterbildung: der Schlüssel zur Stärkung von Erwerbsbeteiligung, Produktivität und Teilhabe

Text 1: Jörg Peschner, Simone Rosini, Europäische Kommission,
Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration

Die Anzahl formaler Bildungsabschlüsse in der EU steigt seit 2010 stetig, allerdings passen vorhandene Kompetenzen oft nicht zu den nachgefragten Tätigkeitsanforderungen. Mangelnde Kompetenzen sind zu oft das Ergebnis sozialer Benachteiligung, die nach wie vor viele Menschen von deren Erwerb ausschließt. Dies könnte in einem sich schnell entwickelnden digitalen Umfeld neue soziale Risiken mit sich bringen. Jeder muss daher Zugang zu Aus- und Weiterbildungs- sowie Umschulungsmaßnahmen haben. Dies sicherzustellen, bleibt höchste Priorität auch und gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise.

BIO

Eines der Hauptanliegen des Europäischen Sozialmodells ist es, die Entwicklung und den Erwerb von Kompetenzen zu stärken und damit Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und Lebensstandards zu verbessern. In der Vergangenheit hat die Europäische Union erhebliche Anstrengungen in diese Richtung unternommen. Dennoch müssen Aus- und Weiterbildungssysteme auch weiterhin modernisiert werden, um einem Fachkräfte­mangel vorzubeugen und Passungsprobleme hinsichtlich der Kompetenzen zu reduzieren. Nur so können der Strukturwandel und die Über­gänge hin zum Einsatz neuer Technologien bei der Wertschöpfung fair gestaltet werden. Die Entwicklung und der Ausbau von Kompetenzen sind deshalb ein zentrales Element der europäischen Säule sozialer Rechte.

Warum es Kompetenzen und Qualifikationen braucht

Der Ertrag von Investitionen in Bildung und Kompetenzen ist erheblich, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft als Ganzes:

  • Aus ökonomischer Perspektive mit Blick auf steigende Produktivität: Eine Modell­simulation für Deutschland zeigt beispielhaft die Auswirkung einer Investition in betrieb­liche Weiterbildung. Demnach erhalten Unter­nehmen einen Ertrag dafür, dass sie ihren Beschäftigten Weiterbildungsmaßnahmen ermöglichen. Dieser Zusatzanreiz führt dazu, dass mehr Beschäftigte eine entsprechende Weiterbildungsmaßnahme absolvieren können. Aus makroökonomischer Sicht ist eine solche Investition hochrentabel. Sie führt zu steigender Beschäftigung, weiteren Investitionen und höheren Löhnen: Durch die Weiterbildungsmaßnahmen steigt die Arbeitsproduktivität, dadurch wird wiederum mehr Arbeit nach­gefragt. Zeitgleich kommt es zu deutlich spürbaren Lohnanstiegen. Arbeitskräfte erhalten somit einen Ertrag für die steigende Produktivität (Abbildung 1).
  • Aus individueller Perspektive: Ein besseres Qualifikationsniveau bringt höhere indivi­duelle Erträge (Abbildung 2). Im Jahr 2018 war der durchschnittliche Stundenlohn für hoch qualifizierte Arbeitskräfte doppelt so hoch wie für ihre gering qualifizierten Kolleg*innen. Auch bei den am Arbeitsplatz benötigten Kompetenzen2 stellt man fest, dass Hilfsarbeits­kräfte (Level 1) nur ein Drittel dessen verdienen, was Führungs- oder Fachkräfte (Level 4) erhalten. Der Einfluss des Qualifikationsniveaus auf das Einkommen ist in Deutschland besonders ausgeprägt.
  • Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive: mehr Teilhabe und höheres Engagement. In einem immer stärker digitalisierten Umfeld wird ein Minimum an digitalen Kenntnissen benötigt – nicht nur im Arbeitsleben, sondern auch was die Teilhabe am gesamten gesellschaftlichen Leben betrifft. Fehlen diese Kenntnisse, kann das für viele im Alltag eine schwer zu überwindende Barriere darstellen.


Strukturelle Probleme im Bereich Bildung und Kompetenzen

Das formale Bildungsniveau in Europa verbessert sich. Aus ökonomischer Perspektive ergeben sich dennoch Probleme:

  • Passungsprobleme sind ein großes Wachstumshemmnis. Viele Bildungsindikatoren haben sich in den letzten zehn Jahren verbessert. Der Anteil der Schulabbrecher*innen liegt in der EU bei zehn Prozent, vier Prozentpunkte niedriger als im Jahr 2010. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der 30- bis 34-Jährigen gestiegen, die einen tertiären Bildungsabschluss erworben haben: von 33 auf 40 Prozent. Insbesondere Frauen haben ihr Bildungsniveau deutlich verbessert. Das Hauptproblem der formalen Bildung ist nicht per se das Niveau. Als problematisch wird vielmehr die Tatsache angesehen, dass die Qualifikationen oft nicht zu den Tätigkeiten passen, die im Beruf ausgeübt werden. Nach OECD-Angaben ist etwa ein Drittel der Arbeitskräfte in der EU im Alter von 15 bis 64 Jahren entweder über- oder unterqualifiziert (Abbildung 3). Das bedeutet, dass ihre formale Qualifikation höher oder niedriger ist als die üblicherweise bei Arbeitskräften in den jeweiligen Berufen beobachtete Qualifikation.3 Für jüngere Arbeitskräfte im Alter von 15 bis 34 Jahren bestätigt Eurostat, dass im Jahr 2018 bei 28 Prozent ein entsprechendes Passungsproblem vorlag (19 Prozent in Deutschland).4 Insbesondere Überqualifikation stellt mit Blick auf das Wachstumspotenzial einer Wirtschaft ein großes Problem dar, denn dies bedeutet die Verschwendung wertvoller Ressourcen, die entsprechend ihrer Qualifikation produktiver eingesetzt werden könnten.5 Überqualifikation hat in der EU in den letzten zehn Jahren leicht zugenommen. Besonders Frauen, aber auch junge Menschen, Migrant*innen aus Drittländern, sowie Migrant*innen innerhalb der EU, die aus den östlichen EU-Staaten kommen und in einem der westlichen Staaten leben und arbeiten, sind betroffen. Letztere sind im Allgemeinen sehr gut qualifiziert, können daraus jedoch auf dem Arbeitsmarkt der Gastländer kaum Kapital schlagen.
  • Zu den angeführten vertikalen kommen horizontale Passungsprobleme hinzu. Laut OECD sehen sich ein Drittel der Arbeitskräfte mit dem Problem konfrontiert, dass das Studienfach ihres höchsten erreichten Abschlusses nicht zu der ausgeübten Tätigkeit im Beruf passt.6 Dies scheint bei tertiär Gebildeten ein besonderes Problem zu sein. Man weiß heute, dass berufsbezogene Elemente als Teil des Studiums dieses Risiko erheblich senken. Es gibt nachweislich einen substanziellen Mangel an Fachkräften, der weit über formale Qualifikationen hinausgeht. Unternehmen haben Mühe, Fachkräfte mit geeigneten Kom­petenzen und Fähigkeiten zu finden. Fast in allen Mitgliedstaaten der EU gibt es einen Mangel an elementaren Kompe­tenzen, wie z. B. Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch an naturwissenschaftlichen sowie kog­nitiven Fähigkeiten (Abbildung 4). Mehr als einer von fünf jungen Europäer*innen hat im Rahmen der PISA-Studie der OECD aus dem Jahr 2018 diesbezüglich schwache Leistungen erbracht. Dabei gilt es als erwiesen, dass diese Gruppe oft auch im späte­ren Erwerbsleben mit großen Herausforderungen konfrontiert ist, weil die jeweiligen Kompetenzen den Anforderungen am Arbeitsmarkt nicht gerecht werden. Denn für die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit ist im Allgemeinen ein Mindestniveau an not­wendigen Kompetenzen gefordert („Employa­bility Threshold“). Da ins­besondere durch die fortschreitende Digitali­sierung immer neue Anforderungen an die Kompetenzen und Qua­lifikationen der Arbeitskräfte gestellt werden, ist dieses Mindestniveau zusätzlich sehr dyna­misch. Zahlreiche Europäer*-innen besitzen nicht ausreichend Kompetenzen, um dieses Niveau zu erreichen.
  • Soziale Benachteiligung führt zu einem Mangel an Fachkräften. Der starke Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds von Eltern auf die Bildung und Kompetenzen ihrer Kinder ist vor dem Hintergrund der Chancengleichheit eine Herausforderung. Vielfach können Qualifikationen und Talente nicht erworben werden, weil Men­schen wegen sozialer Benachteiligung de facto von deren Erwerb ausgeschlos­sen sind. Die Chancen auf einen tertiären Bildungs­abschluss sind für Personen mit einem tertiär gebildeten Elternteil mehr als doppelt so hoch, verglichen mit Personen, deren Eltern nur gering gebildet sind. Dies gilt auch dann, wenn man rechnerisch den Einfluss wichtiger ande­rer Faktoren, die ebenfalls Einfluss auf die Bildung haben (z. B. den Migra­tionsstatus), ausklammert (Abbildung 5). Bei Weitem ist soziale Benachteiligung aber nicht nur ein Problem von Menschen mit Migrationshintergrund. Soziale Benachteiligung hat die Tendenz, über die Bildung hinaus fortzubestehen: Oft bleiben Nachteile am Arbeitsmarkt auch dann bestehen, wenn trotz aller Widerstände das Bildungssystem erfolgreich durchlaufen wurde.7
  • Aus- und Weiterbildung hilft, den Herausforderungen der Arbeitswelt erfolgreich zu begegnen. Staaten könnten aber aktiver werden, um Beschäftigten entsprechende Qualifizierungsmöglichkeiten zu eröffnen. Die Wirksamkeit von Weiterbildung ist ausreichend dokumentiert (z. B. Abbildung 1). Dennoch: Nur die Hälfte der Teilnehmer*innen an entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen in der EU scheint dafür finanzielle Unterstützung zu erhalten. Die geleistete Unterstützung kommt hauptsächlich von den Unternehmen selbst und nicht vom Staat. Tatsächlich ist der Anteil staatlicher Weiterbildungsförderung in fast allen Mitgliedstaaten relativ gering.
  • Künftig könnten Erträge für eine stärkere Kompetenzausprägung geringer ausfallen. Seit Beginn des Jahrzehnts konnte in allen Mitgliedstaaten eine zunehmende Arbeitsplatz­polarisierung beobachtet werden (Abbildung 7). Die Zahl der Arbeitsplätze in niedrig- und hochbezahlten Berufen hat stetig zugenommen, während die Zahl der Arbeitsplätze im mittleren Lohnbereich rückläufig ist. Diese Aus­wirkungen stehen im Zusammenhang mit dem Einfluss des technologischen Wandels auf Routinetätigkeiten. Zu den mittelentlohnten Beschäftigten gehören u. a. Büroangestellte, Handelsfachleute oder Maschinisten – Berufe, die zum Teil routinierte Tätigkeiten umfassen und die im Zuge des schnellen technolo­gischen Wandels durch Maschinen ersetzt wer­den könnten. Trotz der höheren Nachfrage nach hoch qualifizier­ten Arbeitskräften kann der oben (Abbildung 2) berichtete signifikante Lohnaufschlag für Kom­petenzen und Qualifikationen in Zukunft jedoch sowohl nominal als auch im Vergleich zu anderen Qualifikationsgruppen sinken: Die Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitnehmer*innen hat selbst für Aufgaben, die nicht zwingend ausgeprägte Fähigkeiten oder Qualifikationen erfordern, zugenommen.






Ausblick

Sowohl im EU-Kontext also auch auf nationaler Ebene sollte politisches Handeln darauf ausgerichtet sein, den Zugang aller Menschen zum Erwerb relevanter Kompetenzen und Qualifikationen zu verbessern. Aus- und Weiterbildung haben nachweislich eine positive Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist daher im Interesse aller, dass alle Menschen, unabhängig von Erwerbsstatus, Beruf oder sozialer Herkunft, Zugang zu (Aus-)Bildungsmaßnahmen haben.

„Das heute erforderliche Qualifika­tionsprofil kann daher morgen schon veraltet sein. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass alle Menschen die Chance haben, von Weiterbildungsmaßnahmen zu profitieren, um so mit dem Tempo des Wandels Schritt halten zu können. “

Nach wie vor haben viele junge Menschen Probleme, elementare Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben und die Mindestanforderungen für die Beschäftigungsfähigkeit zu erfüllen. Gelingt ihnen dies nicht, besteht ein hohes Risiko, dass sie als Erwachsene auf dem Arbeitsmarkt unterdurchschnittlich abschneiden – nicht zuletzt, weil die Schwelle zur Beschäftigungsfähigkeit keineswegs statisch ist. Im Gegenteil: Das Niveau steigt stetig an, da die Digitalisierung immer höher qualifizierte Arbeitsplätze begünstigt, die besondere Qualifikationen und Kompetenzen erfordern. Das heute erforderliche Qualifikationsprofil kann daher morgen schon veraltet sein. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass alle Menschen die Chance haben, von Weiterbildungsmaßnahmen zu profitieren, um so mit dem Tempo des Wandels Schritt halten zu können. Niemand darf zurückgelassen werden. Insbesondere sozial Benachteiligte sind vorrangig auf entsprechende Chancen durch Qualifizierung angewiesen.

Angesichts der Coronavirus-Pandemie ist die Notwendigkeit einer stärkeren Konzentration auf Weiterbildung sowie einer Stärkung von digitalen Kompetenzen nochmals deutlicher geworden. Kompetenzen sind elementar für die berufliche Wiedereingliederung von Beschäftigten, die während der Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben, und sie sind zentral, um Arbeitskräfte für die aktuellen Umbrüche zu wappnen. Qualifikationsdefizite müssen dringend behoben werden, damit Unternehmen im vollen Umfang an der wirtschaftlichen Erholung und dem parallelen Übergang zu einer grüneren und digitaleren Wirtschaft teilhaben können. Es bedarf rascher politischer Maßnahmen, um die Digitalisierung von Aus- und Weiterbildung voranzutreiben und allen den Zugang zu Online-Aus- und Weiterbildungsangeboten zu ermöglichen. Darüber hinaus ist ein proaktives Angebot an digitalen Weiter­bildungs- und Umschulungsmöglichkeiten durch Unternehmen erforderlich, damit Arbeitskräfte auch für den Arbeitsmarkt der Zukunft wettbewerbsfähig und belastbar aufgestellt sind.

Fussnoten

1.
In diesem Artikel geäußerte Ansichten sind Ansichten der Autoren und nicht als offizielle Position der Europäischen Kommission zu interpretieren.
2.
Internationale Arbeitsorganisation, Internationale Standardklassifikation der Berufe (ISCO-08), 2012.
5.
Employment and Social Developments in Europe 2015, S. 75.
6.
OECD Skills for Jobs: OECD Skills for Jobs Database.
7.
Employment and Social Developments in Europe 2018, S. 99.
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