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Analyse

Auf dem Weg in eine grünere Zukunft: Niemanden zurücklassen beim Übergang zur Klimaneutralität

Text1: Endre Gyorgy, Katarina Jaksic, Frank Siebern-Thomas, Europäische Kommission, Generaldirektion für Beschäftigung, Soziales und Integration

Der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, verändert den Qualifikationsbedarf und verringert die Polarisierung auf den Arbeitsmärkten. Der Übergang ist aber nicht automatisch inklusiv: Beschäftigungseffekte und soziale Auswirkungen variieren je nach Gruppe, Land, Sektor und Region. Die Berücksichtigung der sozialen Dimension ist daher zentral für gerechte Übergänge. Wichtig sind etwa Angebote für berufliche Weiterbildung, Einkommensunterstützungleistungen sowie die Gewährleistung des Zugangs zur Daseinsvorsorge, etwa in den Bereichen Energie und Verkehr.

BIO

Wie bei der Digitalisierung ergeben sich auch beim Übergang zur Klimaneutralität viele Möglichkeiten. Es ergeben sich aber zugleich erhebliche Herausforderungen, insbesondere in den Berei­chen Beschäftigung und Soziales. Die grüne Transformation bietet ein erhebliches Potenzial zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Dabei kann sie jedoch Wirtschaftsstrukturen und Wertschöpfungsketten umwälzen und erhebliche Auswirkungen auf Beschäftigungsstrukturen und Qualifikationsanforderungen entfalten, z. B. in den Bereichen erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft. Die Ökologisierung der Wirtschaft wird sich auf Arbeitsplätze und Berufe in allen Bereichen auswirken. In erster Linie sind Arbeitsplätze und Berufe betroffen, bei denen die Ökologisierung zu erheblichen Änderungen der Tätigkeiten und erforderlichen Fähigkeiten führt.2 Darüber hinaus werden neue Arbeitsplätze und Berufe geschaffen, um der erhöhten Nachfrage nach grünen Produkten und Dienstleistungen in einer grünen Wirtschaft gerecht zu werden.3

Ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen müssen vor dem Hintergrund anderer Megatrends wie Automatisierung und Digitalisierung, die auch erhebliche Auswirkungen auf den zukünftigen Qualifikationsbedarf haben, getroffen werden. Neue Geschäftsmodelle wie die Plattformöko­nomie und neue Formen der Arbeit und Arbeitsorganisation, einschließlich Telearbeit, wirken sich auf Energiebedarf und Mobilität und die damit verbundenen Emissionen aus. Neue und sich verändernde Wertschöpfungsketten in einer Kreislaufwirtschaft sowie technologische Innovationen zur Verbesserung der Ressourceneffizienz werden ebenfalls deutliche Auswir­kun­gen auf den zukünftigen Arbeits- und Qualifi­kationsbedarf haben. Insgesamt erfordern diese Entwicklungen eine erhebliche Arbeitsmobilität zwischen Unternehmen und Sektoren, neue spezifische Kompetenzen (Green Skills), eine kontinuierliche Verbesserung bestehender transversaler und spezifischer Kompetenzen einschließlich digitaler Kompetenzen sowie flankierende Maßnahmen, die den Übergang unterstützen und Umschulung und Weiterbildung erleichtern. Ohne derartige Unterstützung beim Übergang besteht die Gefahr, dass Energiearmut und Ungleichheiten zunehmen. Der Zugang zu sozialer Sicherung sowie Leistungen der Daseinsvorsorge sind wesentlich, um sicherzustellen, dass Kosten und Nutzen des Übergangs gerecht und sozialverträglich verteilt werden.

„Umwelt- und Klimapolitik sind ein Schlüsselelement einer fairen und gerechten Gesellschaft. Untätigkeit ist keine Option.“

Dieser Abschnitt fasst die jüngsten Erkenntnisse darüber zusammen, wie sich der Übergang zur Klimaneutralität voraussichtlich auf die Zukunft der Arbeit auswirken wird. Er konzentriert sich auf die im Europäischen Beschäftigungs- und Sozialbericht der Europäischen Kommission (ESDE)4 analysierten beschäftigungsbezogenen und sozialen Auswirkungen von Klimaschutzmaßnahmen sowie auf die damit verbundenen jüngsten politischen Entwicklungen.

Klimawandel und Umweltschutz: Untätigkeit ist keine Option

Umweltzerstörung und Klimawandel haben direkte und signifikante Auswirkungen auf die Gesund­heit und das Wohlbefinden der EU-Bürger*innen, und ein erheblicher Teil der Europäer*innen war bereits von extremen Hitzewellen, schweren Dürren und Überschwemmungen betroffen. Die sozioökonomischen Kosten der Untätigkeit in Umwelt- und Klimafragen wären beträchtlich und würden das BIP im EU-Durchschnitt langfristig um bis zu zwei Prozent und in Südeuropa um mehr als vier Prozent senken (Abbildung 1). Hierdurch würden die Ungleichheiten innerhalb und zwischen Mitgliedstaaten und Regionen zunehmen. Umwelt- und Klimapolitik sind somit ein Schlüsselelement einer fairen und gerechten Gesellschaft. Untätigkeit ist keine Option.

Umfragen zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit der EU-Bevölkerung in allen Alters- und Bildungsgruppen den Klimawandel als ernstes, von Menschen verursachtes Problem betrachtet und ein hohes Maß an persönlicher Verantwortung für die Bekämpfung des Klimawandels empfindet.

Ehrgeizige Ziele und Verteilungseffekte: Raum für politische Maßnahmen

Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass der Fortschritt in Richtung einer umwelt­verträg­lichen und sozial gerechten Wirtschaft ein rea­listisches Ziel für die EU ist, die dabei auf ihren starken sozialen Grundlagen und auch auf ihrer Rolle als globale Vorreiterin bei einer Reihe von sozialen Zielen für nachhaltige Entwicklung aufbauen kann. Die EU ist in einzigartiger Weise in der Lage, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern, das sowohl soziale Grundlagen als auch ökologische Obergrenzen berücksichtigt (Abbildung 1). Der Übergang zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität ist jedoch nicht automatisch inklusiv. Seine ungleichen Verteilungseffekte könnten die gesellschaftliche Akzeptanz untergraben, insbesondere in Zeiten, in denen einige der sozialen Grundlagen aufgrund der Corona-Pandemie und der mit ihr verbundenen Gesundheitskrise unter beispiellosem Druck stehen. Um eine breite öffentliche Unterstützung zu gewährleisten, müssen Umwelt- und Klimapolitik von Anfang an Fairness- und Gerechtigkeitsaspekte mitberücksichtigen und gleichzeitig soziale Sicherheit und soziale Dienste stärken. Beschäftigungs- und Sozialpolitik spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle.


Beschäftigung und Kompetenzen beim Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft

Nach den neuesten verfügbaren Statistiken ar­bei­teten 2016 in der EU 4,5 Millionen Menschen im Sektor Umweltgüter und -dienstleistungen (auch Öko- oder Umweltindustrie genannt), ge­gen­über 3,2 Millionen im Jahr 2000. Dazu gehören Arbeitsplätze in den Bereichen Abfallwirtschaft, Umweltschutz und Energieeinsparung. Die abso­luten Beschäftigungszahlen in diesen Sekto­ren der „grünen Ökonomie“ sind relativ gering und liegen weit unter denen von IKT-Spezialisten (fast 7,4 Millionen im Jahr 2015) oder anderen IKT-intensiven Arbeitsplätzen (15,8 Millionen im Jahr 2015). Die Beschäftigungsanteile im Sektor Umweltgüter und -dienstleistungen variierten zwischen rund 1 Prozent der Gesamtbeschäfti­gung in Belgien und im Vereinigten Königreich und bis zu 5 Prozent oder mehr in Estland und Finnland. Im Vergleich hierzu machen IKTArbeitsplätze zwischen 5 Prozent und mehr als 20 Prozent an der Gesamtbeschäftigung aus (Abbildung 2 und Abbildung 3).



Beschäftigung und Wertschöpfung in der EU finden zunehmend in Wirtschaftssektoren statt, deren CO2-Emissionen und Materialeinsatz relativ gering sind. Stromerzeugung, Verkehr, Rohstoffindustrie, Landwirtschaft und verarbeitende Industrie verursachen zusammen fast 90 Prozent aller CO2-Emissionen, machen jedoch weniger als 25 Prozent der Gesamtbeschäftigung und Bruttowertschöpfung in der EU aus. Die Dekarbonisierung dieser Sektoren, auch durch Innovation und neue Technologien, wird der Schlüssel zur Ökologisierung der Wertschöpfungsketten und zur Erreichung der Klimaziele insgesamt sein. Dagegen verursachen kohlenstoffarme Industriezweige und der Dienstleistungssektor weniger als 10 Prozent aller CO2-Emissionen, beschäftigen jedoch mehr als 70 Prozent der Arbeitskräfte in der EU und sind gleichzeitig auch die Sektoren mit dem stärksten Beschäftigungszuwachs: 7,5 Prozent Zuwachs im Zeitraum 2013–2018 (1,5 Prozent jährlich) gegenüber 3,4 Prozent (0,7 Prozent) in den anderen Sektoren. Dessen ungeachtet erfolgt die Dekarbonisierung der Wirtschaft aber nicht automatisch, da auch die Dienstleistungssektoren zunehmend auf Elektrizität angewiesen sind.

Prognosen über die Auswirkungen im Jahr 2030 für eine vollständige Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zeigen, dass dies das BIP um zusätzliche 1,1 Prozent und die Beschäftigung um 0,5 Prozent im Vergleich zu einem Szenario ohne Klimaschutzpolitik erhöhen kann.5 Zusätzliche Arbeitsplätze werden laut der Prognose hauptsächlich in wachsenden grünen Sektoren sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor geschaffen, insbesondere im Bauwesen und in der Abfallwirtschaft sowie in einer zunehmend auf Nachhaltigkeit spezialisierten Finanzwirtschaft. Die positiven Auswirkungen auf das BIP und die Beschäftigung sind hauptsächlich auf die für den Übergang erforderlichen Investitionen sowie auf geringere Ausgaben für Importe fossiler Brennstoffe zurückzuführen.

Die prognostizierten Beschäftigungseffekte vari­­ieren erheblich nach Sektoren. So würde der Beschäftigungszuwachs in den Dienstleistungssektoren sowie im Bauwesen, in den erneuerbaren Energien und der Landwirtschaft teilweise durch den Verlust von Arbeitsplätzen im Bergbau und in den Energie- und Versorgungssektoren ausge­glichen. In letzterem Fall wird ein vorübergehen­der Rückgang der Beschäftigung erwartet, da eine höhere Energieeffizienz in Gebäuden und Wohnungen zu einer vorübergehend geringeren Produktionstätigkeit in der Strom- und Gasversorgung führen könnte.

Mit Blick auf das Jahr 2050 wird aber davon aus­gegangen, dass die Nachfrage nach Elektrizität und damit die Beschäftigung in diesem Sektor stark zunehmen werden, da Industrie, Verkehr und andere Dienstleistungen immer mehr elektri­fiziert werden. Die Energieerzeugung und ener­gieintensive Sektoren wie Stahl, Zement, Automobilwirtschaft, Maschinenbau und chemische Industrie müssen sich im Zuge des Übergangs zur Klimaneutralität verändern und auf neue Produktionsprozesse umstellen, was neue Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Arbeitnehmer erfordert.

Die prognostizierten Beschäftigungseffekte vari­ieren weiter nach Mitgliedsländern und Qualifi­ka­tionsgruppen (Abbildung 4 und Abbildung 5). Besonders betroffen sind Länder und Regionen mit hoher Wertschöpfung und hohen Beschäftigungsanteilen in rückläufigen oder sich wandelnden Sektoren, von denen sich viele in Mittel- und Osteuropa (ein­schließlich Deutschland) befinden. Während für einige Regionen der Fachkräftemangel eine große Herausforderung bleibt, sehen sich alle Re­gionen mit einer geringen Teilnahmequote an der Erwachsenenbildung konfrontiert (Abbildung 2), was eine zusätzliche Herausforderung für die erfolgreiche Bewältigung des Übergangs zu einer grünen und digitalen Wirtschaft darstellt.

Auf Ebene der Mitgliedsländer werden positive signifikante Beschäftigungszuwächse erwartet, insbesondere in Belgien, Spanien und Deutschland, wo die Beschäftigung um bis zu 1 Prozent der Gesamtbeschäftigung zunehmen würde (was etwa 60.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Belgien, 200.000 in Spanien und 350.000 in Deutschland entspricht). Im Gegensatz dazu gäbe es in Dänemark nur geringe Effekte, da das Land bei der Nutzung erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz bereits weit fortgeschritten ist. Die Auswirkungen auf das allgemeine Beschäftigungswachstum in Polen wären ebenfalls gering, da der Verlust von Arbeitsplätzen im Kohlesektor die erwarteten Zuwächse in anderen Sektoren ausgleichen dürfte.


Darüber kann die Klimapolitik auch zu einer Verbesserung der Arbeitsplatzqualität beitragen. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch die Klima­politik könnte insbesondere die im Basisszenario (ohne Klimaschutzpolitik) erwartete weitere Polarisierung der Arbeitsmärkte abschwächen und zu einem inklusiveren Beschäftigungswachstum beitragen. Im Basisszenario wird erwartet, dass die Digitalisierung und die weiter zunehmende Integration in globale Produktionsnetzwerke und Wertschöpfungsketten zu erhöhter Jobpolarisierung führen werden. Demgegenüber ist für ein Szenario mit Klimaschutzpolitik zu erwarten, dass die hier geschaffenen Arbeitsplätze die Polarisierung abschwächen, wenn es eine wirksame Weiterbildungs- und Arbeitsmarktpolitik gibt. Der Grund dafür ist die Schaffung von Ar­beitsplätzen mit mittlerer Qualifikation und Entlohnung, insbesondere im Bausektor sowie im Dienstleistungsbereich (Abbildung 5).


Auch diese Effekte variieren jedoch zwischen den Mitgliedsländern. Insbesondere für Deutschland wird prognostiziert, dass der Klimaschutz die Schaffung von Arbeitsplätzen in allen Qualifikationsgruppen begünstigt und damit den Trend zu weiterer Polarisierung abschwächt. Auch in Spanien, Irland, Estland, Litauen und der Slowakei wird erwartet, dass Klimaschutzmaßnahmen die Polarisierung auf den Arbeitsmärkten etwas abschwächen, indem sie Arbeitsplätze im mittleren Qualifikations- und Lohnsegment schaffen. Für andere Länder, einschließlich Polen, wird dagegen prognostiziert, dass Klimaschutzmaßnahmen eher zu einem Zuwachs von Arbeitsplätzen mit geringen formalen Qualifikationsanforderungen beitragen. Dies kann in diesen Ländern dem Trend des Beschäftigungszuwachses im oberen Qualifikations- und Lohnsegment entgegenwirken.

Weitere Vorteile und Herausforderungen der Klimapolitik

Der Zugang zu erschwinglicher Energie, Mobilität und qualitativ hochwertigem Wohnraum ist ein wesentlicher Bestandteil von Fairness und sozialer Gerechtigkeit. Ungeachtet des Einbruchs der Öl- und Energiepreise infolge der Corona-Pandemie werden die Energiekosten im Übergang zur Klima­neutralität in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich steigen. Ein mit der Dekarbonisierung verbundenes Risiko ist daher eine zunehmende Energiearmut, d. h. eine Situation, in der ein wachsender Anteil von Haushalten aufgrund einer Kombination aus niedrigem Einkommen, hohen Energiekosten und schlechter Energie­effizienz in ihren Wohnungen Schwierigkeiten hat, sich Heizung, Kühlung oder andere Energiedienstleistungen leisten zu können. Energiearmut wiederum hat Auswirkungen auf Gesundheit und Produktivität wie auch auf die Umwelt.

„Um eine breite öffentliche Unter­stützung zu gewährleisten, müssen Umwelt- und Klimapolitik von Anfang an Fairness- und Gerechtigkeitsaspekte mitberücksichtigen und gleichzeitig soziale Sicherheit und soziale Dienste stärken. Beschäftigungs- und Sozialpolitik spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle.“

Ein Faktor für Energiearmut sind die Energiepreise, die in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich gestiegen sind und teils den finanziellen Druck auf Haushalte erhöht haben. Dies trifft insbesondere auf Haushalte mit niedrigem Einkommen zu, in einigen Mitgliedstaaten jedoch auch auf einen erheblichen Anteil der Haushalte mit mittlerem Einkommen. Die jüngsten Entwicklungen in der EU waren allerdings insgesamt positiv. So sank der Anteil der von Energiearmut betroffenen Haushalte im EU-Durchschnitt unter das Niveau von 2010. Durch gezielte Sozialleistungen, Sozialwohnungen und Energieeffizienzmaß­nahmen kann die Energiearmut weiter gemindert werden.

CO2-Preispolitik wie CO2-Steuern und Emissionshandel können ebenfalls wichtige Verteilungseffekte haben. Diese hängen von der Einkommenselastizität der Emissionen ab, d. h. von der prozentualen Zunahme der Emissionen bei einer Einkommenserhöhung von einem Prozent. Der Anteil des Energieverbrauchs am Gesamtverbrauch nimmt bei Haushalten mit höherem Einkommen ab, während ihre mit dem Konsum von Lebensmitteln und langlebigen Konsumgütern zusammenhängenden indirekten Emissionen erheblich sind. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die Gesamteinkommenselastizität der Emissionen nahe bei eins liegt.6 Ein Großteil der finanziellen Belastung durch eine CO2-Bepreisung müsste von bessergestellten Haushalten getragen werden, und ein Teil der Einnahmen könnte zur Kompensation von Haushalten mit niedrigen Einkommen verwendet werden.

Eine Verschiebung bei der Besteuerung – weg von der Besteuerung von Arbeit und hin zur Be­steuerung von Energie- und Materialverbrauch sowie Umweltverschmutzung – kann dazu beitragen, soziale und ökologische externe Effekte zu internalisieren, die Einrichtung von „Verschmutzungsparadiesen“ zu vermeiden und Anreize für die „Ökologisierung“ von Produktions- und Verbrauchsmustern zu schaffen. Auf diese Weise lässt sich zu integrativem Wachstum, Produktivitätsgewinnen und höherem Wohlbefinden beitragen.


Abschließend sei auf einen der wichtigsten Vor­teile von Klimaschutzmaßnahmen hingewiesen: eine Verringerung der Luftverschmutzung. Diese stellt nach wie vor eines der größten Gesundheits­risiken in der EU dar und verursacht jährlich rund 400.000 vorzeitige Todesfälle. Bestimmte Bevölke­rungsgruppen sind hiervon überproportional betroffen, darunter Kinder, ältere Menschen, Personen mit bereits bestehenden Gesundheitsproblemen und Personen mit einem schwächeren sozioökonomischen Hintergrund. Darüber hinaus sind die unmittelbaren Vorteile einer geringeren Luftverschmutzung auf lokaler Ebene und kurzfristig sichtbar, verglichen mit den eher abstrakten und langfristigen Effekten von Klimaschutzmaßnahmen.

Der europäische grüne Deal und ein starkes soziales Europa für einen gerechten Übergang

Mit dem europäischen grünen Deal (European Green Deal, EGD) 7 hat die Europäische Kommis­sion eine neue Strategie zur Emissionsreduzierung präsentiert, die gleichzeitig Arbeitsplätze, Wohlbefinden und Umweltschutz fördert und die planetaren Grenzen achtet. Er stellt einen ehrgeizigen Aktionsplan im Einklang mit den Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen dar.8

Um erfolgreich sein zu können, muss der Übergang zur Klimaneutralität gerecht und inklusiv und so gestaltet sein, dass niemand zurückgelassen wird, insbesondere indem die am stärksten betroffenen Arbeitnehmer, Sektoren und Regionen gezielt unterstützt werden.

Sowohl das Europäische Parlament als auch der Europäische Rat haben das Ziel der Klimaneutra­lität gebilligt und die Bedeutung eines gerechten Übergangs unterstrichen. In seiner Entschließung vom November 2019 9 hat das Europäische Parlament einen Klima- und Umweltnotstand erklärt und die Kommission aufgefordert, sicherzustellen, dass die Klima- und Umweltziele bei allen Vorschlägen vollständig und umfassend berücksich­tigt werden. Der Europäische Rat hat den Aufbau eines klimaneutralen, grünen, fairen und sozialen Euro­pas als eine der vier Hauptprioritäten der Strategischen Agenda der EU für 2019–2024 festgelegt.10 In seinen Schlussfolgerungen vom Dezem­ber 2019 11 hat der Europäische Rat die herausragende Bedeutung öffentlicher und privater Investitionen für den Übergang zur Klimaneutralität betont und die Kommission ferner aufgefordert, regelmäßig über die mit dem Übergang verbundenen sozioökonomischen Auswirkungen zu berichten.

Als Reaktion darauf und im Rahmen des europäischen grünen Deals wurde eine Reihe von Instrumenten entwickelt, um Investitionen zu fördern, Bürger*innenbeteiligung zu stärken, einen gerechten Übergang zu gewährleisten und Maßnahmen in allen Politikbereichen aufeinander abzustimmen:

  • Vorschlag für ein „Erstes Europäisches Klimagesetz“ 12
  • Green-Deal-Investitionsplan13
  • Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft14
  • Integration von Aspekten der ökologischen Nachhaltigkeit in das Europäische Semester
  • Berücksichtigung der Energiearmut im Rahmen der Strategie für die Energieunion
  • zukünftiger europäischer Klimapakt.15

Um die Bemühungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen um mindestens 50 Prozent bis 2030 zu verstärken, werden in einer Reihe von Sektoren Maßnahmen vorgezogen werden müssen. Die sozialen und Beschäftigungseffekte dieser Maßnahmen müssen sorgfältig überwacht werden.

Um die vielfältigen Herausforderungen des Übergangs zu bewältigen und Unternehmen und Arbeitnehmer*innen beim doppelten Übergang zu einer digitalen und klimaneutralen nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft zu begleiten, braucht die Europäische Union eine ehrgeizige zukunftsorientierte Sozialpolitik. Das unterstreicht die Notwendigkeit der Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte. Seit der Annahme der Säule im Jahr 2017 hat die Kommission eine Reihe konkreter Initiativen ergriffen, um die 20 Rechte und Grundsätze der Säule zur Unterstützung von Chancengleichheit und Arbeitsmarktzugang, fairen Arbeitsbedingungen und Sozialschutz sowie sozialer Inklusion in die Praxis umzusetzen.

In ihrer Mitteilung vom 14. Januar 2020 über „Ein starkes soziales Europa für einen gerechten Übergang“ 16 hat die Kommission zusätzliche Initiativen skizziert, um die Liste der Erfolge weiterzuführen, und eine umfassende Konsultation eingeleitet, um Anfang 2021 einen Aktionsplan zur Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte sowie einen Aktionsplan für die Sozialwirtschaft vorzulegen. Andere EU-Instrumente wie der ESF+, der Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) und der Europäische Soziale Dialog tragen ebenfalls zu einem gerechten Übergang bei, indem sie Arbeitnehmer in energieintensiven Sektoren und deren Familien beim Übergang unterstützen.

Zusammen mit den wichtigen Maßnahmen, die als Reaktion auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie ergriffen wurden, um die Menschen zu schützen, den öffentlichen Gesundheitssektor zu stärken und die sozioökonomischen Auswirkungen zu mildern, werden die oben beschriebenen Maßnahmen und Instrumente dazu beitragen, den Kurs in Richtung auf ein starkes soziales Europa aufrechtzuerhalten, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken und einen passenden Rahmen bereitzustellen für einen erfolgreichen und gerechten Übergang in eine nachhaltige Zukunft für alle.

„Um die vielfältigen Herausforderungen des Übergangs zu bewältigen und Unternehmen und Arbeitnehmer*innen beim doppelten Übergang zu einer digitalen und klimaneutralen nach­haltigen Wirtschaft und Gesellschaft zu begleiten, braucht die Europäische Union eine ehrgeizige, zukunfts­orientierte Sozialpolitik.“

Fussnoten

1.
In diesem Artikel geäußerte Ansichten sind Ansichten der Autoren und nicht als offizielle Position der Europäischen Kommission zu interpretieren.
2.
Z. B. Elektrofahrzeugingenieure, Bauarbeiter, Architekten, Stadtplaner.
3.
Z. B. Brennstoffzelleningenieure, Nachhaltigkeitsprüfer und Experten für nachhaltige Finanzen. Weitere Details z. B. in Bowen et al. (2018). Characterising green employment: The impacts of ‘greening’ on workforce composition, Energy Economics, Vol. 72, S. 263–275.
4.
European Commission, “Sustainable growth for all: choices for the future of Social Europe”, Employment and Social Developments in Europe, 3 July 2019, https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=738&langId=en&pubId=8219 [further referred to as ESDE (2019)].
5.
Eurofound. (2019). Future of manufacturing in Europe – Energy scenario: Employment implications of the Paris Climate Agreement [Zukunft des verarbeitenden Gewerbes in Europa – Energieszenario: Beschäftigungsauswirkungen des Pariser Klimaabkommens], Eurofound Research Report, Februar 2019.
6.
Z. B. Chancel and Piketty. (2015). Carbon and inequality: from Kyoto to Paris – Trends in the global inequality of carbon emissions (1998–2013) & prospects for an equitable adaptation fund, Paris School of Economics; und Oswald u. a. (2020). Large inequality in international and intranational energy footprints between income groups and across consumption categories, Nat Energy 5, S. 231–239.
7.
COM (2019) 640 of 11 December 2019.
9.
European Parliament resolution on the 2019 UN Climate Change Conference in Madrid, Spain (COP25), 2019/2712(RSP) of 28 November 2019.
12.
COM (2020) 80 vom 4. März 2020.
13.
COM (2020) 21 vom 14. Januar 2020. Der Plan zielt darauf ab, bis 2030 mindestens 1 Billion Euro an öffentlichen und privaten nachhaltigen Investitionen zu mobilisieren sowie zwischen 2021 und 2027 mindestens 100 Milliarden Euro an Investitionen durch einen Mechanismus für einen gerechten Übergang, um die am stärksten betroffenen Bürger*innen, Arbeitnehmer und Regionen zu unterstützen.
14.
COM (2020) 98 vom 11. März 2020.
16.
COM (2020) 14 vom 14. Januar 2020.
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