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Perspektiven

Arbeitswelt im Umbruch

Ein Interview mit Dr. Johannes Kopf, dem Vor­sitzenden des Netzwerks der europäischen Public Employment Services (PES-Netzwerk).1

BIO

Die Arbeitswelt unterliegt einem tief greifenden und zum Teil rasanten Wandel. Die Digitalisierung ist dafür ein ganz entscheidender Treiber. So könnten allein in Deutschland in den nächsten sechs Jahren 1,3 Millionen Arbeitsplätze wegfallen – gleichzeitig aber auch 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die europäischen Arbeitsverwaltungen?

Kopf: Neben der Tatsache, dass Menschen ihre Arbeit durch die Digitalisierung, aber etwa auch durch notwendige gesetzliche Maßnahmen gegen den Klimawandel verlieren werden, führen die großen Trends am Arbeitsmarkt dazu, dass sich die Qualifikations­anforderungen der Unternehmen an ihre Beschäftigten laufend verändern und erhöhen. Das heißt, unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, uns bestmöglich um arbeitslos gewor­dene Menschen zu kümmern und Unternehmen bei der Personalsuche zu helfen, sondern auch darin, bestehende Arbeitsplätze nachhaltig abzu­sichern. Wir unterstützen daher bereits jetzt Unternehmen mit Expertise, aber auch Förderungen im Bereich der Personalentwicklung.

Aus dem aktuellen „Labour Market Bulletin“ des PES-Networks geht hervor, dass die Arbeitslosenquote der Geringqualifizierten europaweit bei 13,3 Prozent, bei Akademiker*innen hingegen nur bei 4,1 Prozent liegt. Sie sagen, die Nachfrage nach un­qualifizierter Arbeitskraft sinkt schneller als das Angebot, und appellieren an die Politik, mehr Wert auf die Bildung in Kindergärten und Volksschulen zu legen.2 Warum? Wie wichtig ist vor diesem Hintergrund die Bildung in Kindergärten und Volksschulen?

Kopf: In allen Staaten der EU haben niedrig qualifizierte Menschen höhere Arbeitslosenquoten als Menschen mit einer höheren Ausbildung, meist liegt der Wert sogar bei einem Vielfachen. Geringere Unterschiede gibt es nur in jenen Ländern mit einem niedrigeren Lohnniveau, dort ist die Automa­tisierung noch nicht so weit gediehen. Besorgniserregend ist dabei der Umstand, dass sich die Position der Niedrigqualifi­zierten – trotz eines allgemeinen Trends zur Höherqualifizierung – weiter verschlechtert. Die Arbeitslosenquote der Niedrigqualifizier­ten ist seit 2005 europaweit gestiegen, während jene von Menschen mit mittlerem oder höherem Qualifikationsniveau rückläufig waren. Wir müssen also den Anteil jener jungen Menschen deutlich senken, die nach der Pflichtschule keine weiterführende Ausbildung machen. Die europäische Jugendgarantie hat genau dieses Ziel, und daran arbeiten wir ja auch intensiv. Noch wirkungsvoller aber ist es, und das wissen wir aus einigen Studien, Kinder intensiver zu fördern. Vor allem eine gezielte Unterstützung im Kindergarten- und im Grundschulalter ermöglicht das verstärkte Erreichen einer höheren Ausbildung auch für Kinder aus bildungsfernen Haushalten. Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist ehrlich gesagt nicht die Arbeitslosenversicherung, sondern eine gute Ausbildung.

„Wir müssen also den Anteil jener jungen Menschen deutlich senken, die nach der Pflichtschule keine weiterführende Ausbildung machen.“

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt. Sie wird auch die Strukturen der Information, Kommunikation und Transaktion zwischen Bürger*innen und Unter­nehmen einerseits und Behörden andererseits erheblich verändern. Welche Herausforderungen sehen Sie aus diesen Entwicklungen für die Arbeitsmarkt­verwaltungen?

Kopf: Die Digitalisierung hat bereits deutliche Spuren bei allen euro­päischen Arbeitsmarktverwaltungen hinterlassen. Wir verarbeiten enorme Mengen an Daten mittels komplexer IT-Systeme. Die Technik bietet dabei auch großes Potenzial, um unsere Organisationen noch leistungsfähiger zu machen. Ebenso bieten wir ja bereits viele Dienstleistungen in digitaler Form an. Dies reicht etwa von der Möglichkeit der Online-Registrierung über eine europaweite Jobsuche bis hin zu E-Learning-Angeboten. Viele Kund*innen greifen bereits jetzt gerne auf diese Angebote zurück. Die Erfahrung zeigt uns allerdings auch, dass dies für manche Menschen und spezielle Situationen nicht passt. Generell gilt: Es braucht den richtigen Mix.

Was sind die Besonderheiten einzelner Mitgliedstaaten, was die gemeinsamen Herausforderungen am Arbeitsmarkt?

Kopf: Es gibt viele gemeinsame Herausforderungen, aber natürlich auch viele unterschiedliche Voraussetzungen. Die einzelnen nationalen Arbeitsverwaltungen sind zum Teil sehr unterschiedlich organisiert, haben unterschiedliche Ressourcen und teilweise auch unterschiedliche Aufgaben. Auf den nationa­len Arbeitsmärkten gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede, man denke etwa daran, dass manche Länder mit massiven Abwanderungstendenzen konfrontiert sind, in anderen Ländern aber wieder das Arbeitskräfteangebot deutlich steigt. Gemein ist uns aber, dass wir Angebot und Nach­frage auf dem Arbeitsmarkt bestmöglich zusammenführen wollen.

Die Arbeit wird uns zukünftig nicht ausgehen. Aber es wird vielfach eine andere Arbeit sein, die andere Kompetenzen und Qualifikationen erfordert. Welchen Stellenwert wird die Qualifizierung für Arbeitsuchende und Beschäftigte einnehmen?

Kopf: Kontinuierliches Lernen wird immer wich­tiger. Das bedeutet, Beschäftigte wie Arbeits­suchende brauchen die Bereitschaft zur Weiter­bildung, aber auch zur Selbstreflexion: Was kann ich, wo habe ich Unterstützungsbedarf? Für Arbeitgeber braucht es eine intensivere Befassung mit und Planung des Weiterbildungs­bedarfs der eigenen Belegschaft. Nur so wird es uns allen gemeinsam gelingen, Europas Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten und Arbeits­plätze nachhaltig abzusichern.

„Beschäftigte wie Arbeitssuchende brauchen die Bereitschaft zur Weiterbildung, aber auch zur Selbstreflexion: Was kann ich, wo habe ich Unterstützungsbedarf?“

Welchen Beitrag können Arbeitsverwaltungen/kann Arbeitsmarktpolitik leisten, um Technik und Arbeit so zu gestalten, dass Arbeitnehmer*innen ein selbstbestimmtes Erwerbsleben ermöglicht wird und sie nicht Opfer der Digitalisierung werden?

Kopf: Die einfache Antwort auf diese Frage ist, wie bei vielen drängenden Problemen unserer Zeit, Quali­fizierung. Wir Arbeitsmarktverwaltungen haben aber auch die Aufgabe, auf das Entstehen von strukturellen Problemen am Arbeitsmarkt hinzuweisen und mit unserer Expertise ein Rat­geber für die Politik zu sein. Eine Aufgabe, die ich als Vorsitzender des PES-Netzwerks auch auf europäischer Ebene bestmöglich erfüllen möchte.

Österreich verfügt über eine mittlerweile über zwei Jahrzehnte andauernde Lerngeschichte mit dem Modell der Bildungskarenz zur individuellen Weiterbildungsförderung. Das in den Jahren 2008 deutlich verbesserte und 2013 um die Möglichkeit der Bildungsteilzeit erweiterte Instrument findet immer mehr Zuspruch und hat dazu geführt, dass auch längere Weiterbildungen und Qualifi­zierungen für die breite Bevölkerung attraktiver geworden sind.

Was können andere Länder aus den österreichischen Erfahrungen lernen?

Kopf: Wir haben tatsächlich spannende Erfahrungen gemacht, die durchaus auch Vorbild für andere Länder sein können. Doch müssen auch wir noch weiter nachdenken. Mit unserer Bildungskarenz erreichen wir vor allem höher qualifizierte und jüngere Menschen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass dieses Angebot von niedrig qualifizierten und älteren Menschen noch zu wenig in Anspruch genommen wird. Das ist der Grund, warum wir auch andere Förderungen anbieten. Trotzdem: Niedrigqualifizierte und ältere Menschen für eine vollwertige Berufsquali­fizierung zu begeistern, ist oft kein leichtes Unterfangen. Gute Ideen werden hier europaweit noch gerne entgegengenommen.

Plattformarbeit ist zunehmend im Alltag präsent, z. B. durch Essenslieferanten, Fahrdienste und Haushaltsdienstleistungen, aber auch durch Online-Arbeit wie etwa Textarbeit, Programmierungen und kreative Tätigkeiten. Welchen Einfluss haben Ihrer Einschätzung nach Plattformen zur Vermittlung von Arbeitsleistungen auf die Ent­wicklung des Arbeitsmarktes allgemein? Können solche Plattformen den Arbeitsmarkt vielleicht sogar strukturell verändern?

Kopf: Die verfügbaren Daten zeigen, dass Plattformarbeit zurzeit noch von relativ geringer Bedeutung ist. Nichtdestotrotz steigt die Zahl derer, die ihre Arbeitskraft über Plattformen anbieten, daher müssen sich auch die Arbeitsverwaltungen zu­nehmend mit diesem Trend befassen. Dringlicher sehe ich in diesem Zusammenhang derzeit aber die Klärung offener Fragen etwa des Arbeitsrechts und der Sozialversicherungssysteme.

Wie reagiert die Arbeitsverwaltung auf das Auf­treten von Plattformen zur Vermittlung von Arbeitsleistungen? Lassen sich hier erste Erfahrungen berichten?

Kopf: Derzeit gibt es nur sehr wenig Erfahrungen, da die Vermittlung dieser Arbeitsleistungen ja abseits der Arbeitsverwaltungen stattfindet. Es gibt bereits einige Initiativen von Mitgliedstaaten, z. B. zu den arbeitsrechtlichen Aspekten oder zur Erarbeitung von Kollektiverträgen. Als Arbeitsmarktverwaltungen haben wir vor, uns 2020 und 2021 mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen.

Welche Trends beobachten Sie in Europa? Sehen Sie regionale Schwerpunkte oder Unterschiede?

Kopf: In den Niederlanden sowie in Spanien und Irland hat Plattformarbeit bereits einen gewissen Stellenwert. Finnland, die Tschechische Republik und die Slowakei sind jene Staaten, in denen Platt­form­arbeit derzeit die geringste Bedeutung hat. Insgesamt muss man die Situation aber differen­ziert betrachten. Eigentlich gibt es noch sehr wenige Menschen, die zum überwiegenden Teil ihre Arbeit über Plattformen anbieten. Für die meisten Menschen stellt Plattformarbeit eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit dar.


Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt nachhaltig. Foto: Rawpixel.com/Shutterstock.com

Hätte die Zunahme (selbstständiger) Arbeit auf Plattformen Auswirkungen auf die Sozialversicherungen? Was könnten hier Handlungsansätze sein?

Kopf: Das wird schlussendlich darauf ankommen, welche gesetzlichen Regelungen man diesbezüglich schafft. Klar ist, dass Versicherungssysteme nur so lange wirksam sein können, wie sie durch Beiträge entsprechend gespeist werden. Die Regierungen sowie die Sozialpartner sind diesbezüglich gefordert, entsprechende Initiativen zu setzen.

Plattformarbeit ist ein relativ neues Phänomen mit weitreichenden Auswirkungen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Welche Potenziale und welche Herausforderungen sehen Sie allgemein?

Kopf:: Auch hier muss man differenzieren. Für jene Personen, die sich ein zusätzliches Einkommen schaffen, kann Plattformarbeit eine interessante Option sein. In hoch qualifizierten Bereichen, die gute Verdienstmöglichkeiten bieten, bringt diese Art der Arbeit eine gewisse Flexibilität und Freiheit mit sich. Weniger attraktiv und durchaus oft auch problematisch sind jene schlecht bezahlten Tätigkeiten, denen vor allem gering qualifizierte Menschen nachgehen.

Die deutsche Bundesregierung hat im November 2018 eine KI-Strategie vorgelegt. Dabei geht es auch um die Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Im März 2020 wird im Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein Deutsches KI-Observato­rium seine Arbeit aufnehmen. Es soll Chancen und Risiken der KI bewerten und politisch steuern helfen. Insbesondere in staatlichen Einrichtungen müssen KI- und Algorithmen-basierte Systeme hohen Anforderungen genügen. Wie sehen Sie den Einsatz von KI und Algorithmen in den Arbeits­verwaltungen? Welche Chancen und welche Risiken ergeben sich daraus aus Ihrer Sicht?

Kopf: Einige Arbeitsverwaltungen setzen bereits Algorithmen ein, um ihre Dienstleistungen zu verbessern. Dies geschieht vor allem beim „profiling“ von Arbeitssuchenden wie auch beim „matching“ von Arbeitssuchenden mit offenen Stellenangeboten. Wenn uns derlei Systeme dabei unterstützen können, für arbeitssuchende Menschen einen passenden Job zu finden, dann spricht viel dafür, sie auch ein­zu­setzen. Der Einsatz von echter KI ist aber derzeit in den einzelnen Arbeitsmarktverwaltungen kaum noch ein Thema. Wir in Österreich setzen bereits Algorithmen in der Beurteilung der künftigen Arbeitsmarktchancen jedes oder jeder einzelnen Arbeitssuchenden ein. Sie sind ein Hilfsmittel für unsere Berater*innen, um die richtige Betreuungsstrategie zu finden. Der Einsatz von solchen Sys­te­men wird zukünftig in vielen Bereichen unseres Lebens eine große Rolle spielen und bietet auch großes Poten­zial, es gilt aber, sinnvolle von falschen Anwendungen zu trennen.

„Die Herausforderungen sind vielfältig. Der Klimawandel, die Digitalisierung, aber auch der Brexit und seine Folgen werden die EU noch lange beschäftigen.“

Brauchen wir verbindliche, einheitliche Regeln für den zukünftigen Einsatz automatisierter Entscheidungsverfahren sowie KI- und Algorithmen-basierter Systeme, z. B. in den Arbeitsverwaltungen?

Kopf: Die Entwicklungen schreiten derzeit rasant voran, und bei jeder Einführung muss man auf­passen, dass man sich nicht ausschließlich auf technische Fragen konzentriert und etwa Fragen der Ethik vergisst. Dazu benötigt man auch einen breiten politischen und öffentlichen Diskurs. Wir haben uns bei der Einführung unseres Systems in Österreich mehrfach und intensiv solchen Diskussionen gestellt, in Hinblick auf die Bedeu­tung solcher Systeme halte ich dies auch für gerechtfertigt.

Welche Wünsche haben Sie an eine europäische Arbeitsmarktpolitik?

Kopf: Die Zusammenarbeit in unserem europäischen Netzwerk funktioniert hervorragend. Wir haben in den letzten Jahren durch viel Engagement nicht nur ein enormes Wissen über die einzelnen Arbeitsmarktverwaltungen erarbeitet und dieses dafür genutzt, um gemeinsam besser zu werden. Wir wissen nun auch sehr viel über den europäischen Arbeitsmarkt, die jeweiligen Arbeitsmarktpolitiken, was funktioniert und was nicht. Dieses Know-how wollen wir unseren europäischen Partnern anbieten, um damit die europäische Beschäftigungsstrategie bestmöglich zu unterstützen. Wir ersuchen daher um viele offene Ohren.

Was möchten Sie der deutschen EU-Ratspräsidentschaft mit auf den Weg geben?

Kopf: Deutschland übernimmt in einer sehr spannenden Zeit den Ratsvorsitz. Die neue Kommission ist ein halbes Jahr im Amt, und die Umsetzung ihrer ersten Vorhaben hat begonnen. Die Herausfor­derungen sind vielfältig. Der Klimawandel, die Digi­talisierung, aber auch der Brexit und seine Folgen werden die EU noch lange beschäftigen. Euro­päische Lösungen im Bereich der Migration müssen endlich gefunden werden, und die Konjunktur stottert ein wenig. Das alles hat Auswirkungen auf die europäischen Arbeitsmärkte. Die Erwartungen an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft sind also entsprechend hoch. Ich wünsche ein gutes Gelingen und würde mich freuen, wenn unser Netzwerk einen Betrag für eine erfolgreiche Präsidentschaft leisten kann.

Fussnoten

1.
Dieses Interview wurde vor dem Ausbruch der globalen COVID-19-Pandemie geführt.
2.
Die Presse: AMS Chef: unqualifizierte Jobs verschwinden schneller als Unqualifizierte, September 2019. https://www.diepresse.com/5685520/ams-chef-unqualifizierte-jobs-verschwinden-schneller-als-unqualifizierte
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