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Perspektiven

Welche Chancen bietet ein europäischer Branchendialog in der Automobilindustrie?

Hiltrud Dorothea Werner (Volkswagen AG), Michelle Wen (Groupe PSA) und Dr. Iztok Seljak (Hidria Holding) diskutieren über die Bedeutung von Menschenrechten entlang globaler Lieferketten für eine nachhaltige Automobilindustrie, ihre Erwartungen an die Politik und inwiefern sich ein europäischer Branchendialog auf die eigene Wettbewerbssituation auswirkt.

BIO

Welchen Stellenwert nehmen verantwortlich gestaltete Liefer­ketten auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität für die Automobilindustrie ein?

Werner: Unserer Überzeugung nach ist Nachhaltigkeit über die gesamte Lieferkette hinweg für die Gestaltung der Mobilität der Zukunft von zentraler Bedeutung, insbesondere in ökologischer und sozialer Hinsicht: Mit einem zunehmenden Anteil CO2-neutraler Elektrofahrzeuge verschieben sich Emissionen von der Nutzungs- in die Produktentstehungsphase und damit in die Lieferkette.

Hierbei spielt nicht zuletzt der hohe Energiebedarf für die Produktion von Komponenten wie der Batterie eine wichtige Rolle. Gerade deshalb ist die CO2-Reduktion in der Lieferkette für uns ein strategisches Schwerpunktthema. Ein weiteres zentrales Problem ist die derzeit oft unter kritischen Bedingungen durchgeführte Gewinnung von Rohstoffen für Batterien, wie etwa Kobalt und Lithium. Wir sehen es als unsere Aufgabe, uns für den nachhaltigen und unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten einwandfreien Abbau der betreffenden Mineralien einzusetzen und dies über entsprechende Prozesse sicherzustellen.

Seljak: Nachhaltige Lieferketten sind für eine grüne Mobilität enorm wichtig. Als Unternehmen müssen wir sicherstellen, dass wir ökologische Produkte mit kohlenstoffarmen Fertigungsprozessen herstellen und unsere eigenen Mitarbeiter*innen mit maxi­malem Respekt behandeln. Dennoch sind wir als internationaler Automobilzulieferer zwar ein wichtiger, aber trotzdem nur ein Teil der gesamten Lieferkette.

Um dem Planeten und der Umwelt gegenüber verantwortlich zu handeln, müssen wir sicherstellen, dass auch unsere Partner und Lieferanten nachhaltig wirtschaften: Diejenigen, die entsprechende Maßnahmen bereits umgesetzt haben, müssen wir bestärken. Die anderen müssen wir dazu brin­gen, solche Maßnahmen schnellstmöglich zu implementieren. Diese Forderung wird auch von unseren Kunden, den Automobilherstellern, immer häufiger an uns herangetragen.

Wen: In der Groupe PSA bestehen mehr als 75 Pro­zent der Fahrzeugbestandteile aus Zukaufteilen. Um ein verantwortungsvoll produziertes Fahrzeug zu ermöglichen, kommt den Lieferketten und all unseren Lieferanten, die in diesem Prozess maßgeblich beteiligt sind, eine sehr hohe Bedeutung zu. Die Lieferketten und unsere Lieferanten sind auf dem Weg zu einer nachhaltigen Automobilindustrie somit sehr wichtige Faktoren, vielleicht sogar die wichtigsten überhaupt.

Welche Bedeutung hat die Einhaltung von Menschenrechten an Auslandsstandorten und in den Lieferketten der Automobilbranche?

Wen: Die Einkaufsabteilung der Groupe PSA hat für ihre Lieferanten Qualifizierungs- und Auswahlprozesse eingerichtet, die unabhängig davon gelten, in welchem Land wir unsere Produktteile oder Dienstleistungen einkaufen. Insbesondere haben wir einen übergreifenden CSR-Anforderungsrahmen entwickelt, der ausnahmslos für alle unsere Lieferanten gilt. So können wir für all unsere Zulieferer, aus allen Teilen der Welt, dieselben Anforderungsstandards garantieren. Konkret verlangen wir von unseren Lieferanten, dass sie sich hinsichtlich ihrer CSR-Maßnahmen von EcoVadis, einer unabhängigen Organisation, bewerten lassen. So können wir überprüfen, ob unsere Erwartungen auch eingehalten werden. Dieser Bewertungsprozess umfasst in erster Linie die folgenden Bereiche: Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik und nachhaltige Beschaffung. In jeder dieser Kategorien ist eine Mindestpunktzahl erforderlich, um sich als Lieferant zu qualifizieren.

„Die Verantwortung für die Menschenrechte in der gesamten Lieferkette ist eine entscheidende Voraussetzung für unseren unternehmerischen Erfolg.“

Iztok Seljak

Seljak: Die Verantwortung für die Menschenrechte in der gesamten Lieferkette ist eine entscheidende Voraussetzung für unseren unternehmerischen Erfolg. Während diese Prinzipien an unseren europäischen und westlichen Produktionsstandorten, an denen wir immer noch einen Großteil unserer geschäftlichen Aktivitäten umsetzen, für selbstverständlich angesehen werden, ist dies an einigen anderen Standorten auf der Welt nicht der Fall. Genau diese Standorte aber werden wir in Zukunft intensiv ausbauen. Hier bedarf es unserer unbedingten Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft.

Werner: Wir sind ein international tätiger Konzern, produzieren in China, Russland, Südafrika, Brasilien, ­Indien, den USA und vielen weiteren Ländern. Überall auf der Welt halten wir uns an die lokalen Gesetze, an internationale Rahmenwerke und an unsere eigenen ethischen Standards. Wir exportieren nicht nur Autos, sondern schaffen weltweit Arbeitsplätze und vermitteln in deren Umfeld auch unsere Sozialstandards und Werte.

Lieferanten bewerten wir auch danach, wie diese bei der Achtung der Menschenrechte aufgestellt sind und knüpfen daran unsere Vergabeentscheidungen: Bei dem sogenannten S-Rating werden die ökologische und soziale Nachhaltigkeit inklusive der Menschenrechte und die Integrität von direkten Lieferanten bewertet.

Was sind die größten Herausforderungen, um ­die Anforderungen an die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht (Due Diligence) in Ihren Unternehmen umzusetzen?

Wen: Wir arbeiten derzeit weltweit mit mehr als 8.000 Lieferanten in mehr als 60 Ländern zusammen. Vor allem das Spektrum der technischen und Rohstoff-Prozesse ist groß. Darüber hinaus müssen wir die Kontrolle über die gesamte Lieferkette sicherstellen, die manchmal bis zu sieben oder acht Ebenen von Sublieferanten umfassen kann. Neben der obligatorischen Bewertung unserer Lieferanten durch die unabhängige Organisation EcoVadis verlangen wir von unseren Lieferanten außerdem, dass sie einer speziellen CSR-Einkaufscharta zustimmen. Dort müssen sie per Unterschrift bestätigen, dass sie die anerkannten internationalen Standards der ILO und der Vereinten Nationen anwenden. Für die kritischsten Warengruppen führen wir Audits an den Standorten unserer Lieferanten durch und verlangen, dass sie uns alle Sublieferanten nennen, damit wir über die vollständigen Lieferantenwege vom Rohstoff bis zu dem Fertigprodukt, das wir einkaufen, informiert sind. Im Falle einer Nichteinhaltung unserer CSR-Standards, egal auf welcher Ebene innerhalb der Kette, müssen wir entsprechend schnell reagieren können. Unsere Einkaufsbedingungen, die für alle unsere Handelsverträge gelten, erlauben uns, jederzeit unsererseits zu reagieren, wenn es notwendig ist.

Werner: Die menschenrechtlichen Pflichten von Staaten sind schon seit Jahrhunderten formuliert. Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen sind erst 2011 mit den VN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet worden. Dennoch haben wir sie bereits in die Praxis umgesetzt und ein Compliance-Management-System aufgebaut, in dem auch die Menschenrechte verankert sind. Schwere Menschenrechtsverletzungen, wie Kinder- oder Zwangsarbeit, sind für uns tabu. Wir sehen es als unsere unternehmerische Verant­wortung, Menschenrechte zu respektieren und zu schützen. Dass wir uns diesem Thema jetzt verstärkt widmen, hat rechtliche und auch wirtschaftliche Gründe. Schon heute entscheiden Investor*­innen auch anhand von Nachhaltigkeitsratings, in welche Unternehmen sie investieren. Deswegen möchten wir diese Maßstäbe über die gesamte Lieferkette sicherstellen, wenngleich uns das vor große Herausforderungen stellt – sowohl, was die Umsetzung, als auch, was die Kontrolle angeht.

Seljak: Anfang der 1990er-Jahre begannen einige Kunden zu verlangen, dass wir die Einhaltung der Menschenrechte (einschließlich der Verhinderung von Kindesmissbrauch in der Kinderarbeit) in unserer gesamten Lieferkette sicherstellen. Selbstverständlich haben wir uns dazu verpflichtet, und das ist nun gut 30 Jahre her – das war also lange vor der offiziellen Verabschiedung der VN-Leitprin­zi­pien für Wirtschaft und Menschenrechte durch den VN-Menschenrechtsrat. In diesem Rahmen haben wir den Hidria-Ethikkodex verabschiedet, der sich speziell mit der Achtung der Menschenrechte befasst. Er ist auf unserer Website veröffentlicht und für unsere Kunden und Lieferanten zugäng­lich, denn die dort formulierten Leitlinien sind ein integraler Bestandteil unserer Vereinbarungen mit den Liefe­ranten. Dabei stehen wir immer noch vor vielen Herausforderungen: Vor allem beschäftigt uns die Frage, wie wir sicherstellen können, dass unsere Lieferanten und auch deren Lieferanten die Menschenrechte respektieren. In vielen Fällen haben ­wir es mit kleinen Unterneh­men, manchmal sogar mit Einzelpersonen zu tun, die nicht über die erforderlichen Prozesse und Sys­teme verfügen, um ihre Beschaffung zu kontrollieren. Zugleich haben wir uns unseren Kunden gegenüber genau dazu verpflichtet.

„Wir sehen es als unsere unternehmersche Verantwortung, Menschenrechte zu respektieren und zu schützen.“

Hiltrud Dorothea Werner

Welche Unterstützung wünschen Sie sich dabei von der Politik?

Seljak: Wir erwarten und empfehlen dringend, dass die Politik sich besser abstimmt sowie konsequent agiert und alle Arbeitgeber dazu verpflichtet, einen Ethikkodex zu verabschieden und seine Einhaltung aktiv zu überwachen. Die Entwicklung eines globalen oder eines zunächst EU-weiten Standards würde kleineren Unternehmen die Umsetzung und Kontrolle erleichtern. Vielleicht könnte auch eine ausgewiesene öffentliche Behörde bei der Umsetzung helfen? Dies würde die hohe Bedeutung des Themas zusätzlich betonen.

Werner: Als global agierender Konzern wünschen wir uns international möglichst einheitliche Regelungen, insbesondere europaweit einheitliche Standards. Zudem braucht es in der Abgrenzung zwischen der staatlichen Schutzpflicht für Menschenrechte und der unternehmerischen Menschenrechtsverantwortung einen kontinuierlichen Dialog zwischen den Beteiligten – über Grundsätze und Umsetzung. Für Unternehmen ist es oft herausfordernd, konkrete, ungefärbte Informationen zu erhalten, die eine echte, umfassende Einschätzung menschenrechtsrelevanter Situationen ermöglichen. Hier können Politik und Staat konkrete Unterstützung bei der Informationsgewinnung leisten.

„Im Sinne eines ,smart regulatory mix‘ kann die EU Unternehmen würdigen, die bereits aktiv sind, und Anreize für diejenigen setzen, die noch nicht in vergleichbarem Maße an der Nachhaltigkeit in Lieferketten arbeiten.“

Hiltrud Dorothea Werner

Wen: Mehr Zusammenarbeit zumindest innerhalb der EU, vorzugsweise weltweit. Dies würde fairen Handel und nachhaltige Geschäftspraktiken für alle Akteure entlang der Lieferkette genauso wie für OEM 1 auf die effizienteste Weise unterstützen. Im Zusammenhang mit der Aushandlung von Freihandelsabkommen sollte die EU sicherstellen, dass in den Kapiteln zur Nachhaltigkeit Menschenrechtsfragen angemessen behandelt werden.

Inwieweit kooperieren Unternehmen der Auto­mobilbranche untereinander, um gemeinsam menschenrechtlichen Risiken in den Lieferketten zu begegnen? Wenn ja, wie bringen Sie sich ein?

Wen: Es gibt mehrere Organisationen und Koope­rationsgremien. Auch dort werden die Menschen­ rechte teilweise behandelt, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Groupe PSA arbeitet mit unabhän­gigen Unternehmensbündnissen zusammen, die, wie z. B. die Responsible Business Alliance, branchenübergreifend tätig sind. Auch bei der Bewertung unserer Lieferanten arbeiten wir mit unabhängigen Parteien zusammen. Wir arbeiten allerdings nicht direkt mit anderen OEMs zu­sammen, sondern verlassen uns auf die branchenübergreifenden Initiativen, wie z. B. in der Responsible Business Alliance, die das RMI2-Netzwerk beherbergt.

Seljak: Ja, wir kooperieren miteinander. Ich würde sagen, das ist sogar ein integraler Bestandteil ­unserer Zusammenarbeit, insbesondere zwischen den Automobilherstellern und Systemlieferanten der ersten und zweiten Ebene, aber natürlich auch zwischen Automobilherstellern und System­lieferanten untereinander. Was allerdings die tieferen Ebenen der Lieferkette betrifft, bin ich unsicher.

Werner: Unser Anspruch ist es, zusammen mit unseren Lieferanten an einer Verbesserung der Nachhaltigkeit zu arbeiten. Niemandem wäre damit gedient, möglichst viele derzeit noch nicht vollständig konforme Unternehmen aus der Lieferkette zu verbannen und viele Existenzen zu gefährden. Wir wollen die Lieferanten auch entwickeln. Auf diesem Weg sind gemeinsame, industrieweite Initiativen enorm wichtig.

Wir suchen z. B. die enge Kooperation mit internationalen Organisationen. Als Mitglied der Global Battery Alliance wollen wir Maßnahmen in Richtung einer sozial verantwortlichen, ökologisch nachhaltigen und innovati­ven Batterie-Wertschöpfungskette katalysieren und beschleunigen. Zentral für unsere Aktivitäten ist außerdem unser Engagement in der Brancheninitiative Drive Sustainability unter dem Dach von CSR Europe. Die Entwicklung des gemeinsamen Fragebogenstandards zur Überprüfung von Nachhaltigkeitsaspekten bei Liefer­an­ten war in dieser Hinsicht ebenso ein Meilenstein wie der gemeinsam mit anderen OEMs verfolgte Weiterbildungsansatz bei Lieferanten über Trainings­veranstaltungen in ausgewählten Ländern. Zudem bringen wir uns aktiv in den Branchendialog der deutschen Automobilindustrie im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte ein, an dem sich Hersteller, Zulieferer, Gewerkschaften, NGOs und die Bundesregierung beteiligen.

Kooperieren Sie auch mit Unternehmen anderer Branchen? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Werner: Durchaus. Beim Thema Wirtschaft und Menschenrechte ergibt es sehr viel Sinn, sich branchenübergreifend insbesondere zu Management-Ansätzen und Good-Practice-Beispielen auszutauschen. Auch spezifische Risikoszenarien können mehrere Branchen zugleich betreffen. Wir tauschen uns z. B. mit Konzernen ähnlicher Größe und Struktur aus, die das Thema Wirtschaft und Menschenrechte ebenfalls in ihrem Unternehmen verankert haben. Zusätzlich tauschen wir uns in der Global Business Initiative on Human Rights mit zahlreichen Unternehmen anderer Branchen zur Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten aus.

Seljak: Die Regeln, die in der Automobilindustrie eingeführt wurden, werden üblicherweise auf andere Branchen übertragen. Das Gleiche gilt für die Einhaltung der Menschenrechte. In unserem Fall dehnen wir das Thema auf die HLK-Industrie (Heizung, Lüftung und Klimatisierung), die Elektrowerkzeugindustrie und andere aus.

Wen: Unsere Hauptpartner für die Bewertung un­serer Lieferanten sowie die Responsible Business Alliance sind nicht allein an die Automobilbranche gebunden. Aufgrund der Vielfalt der Bauteile, Rohstoffe und Prozesse, die wir einkaufen, sind unsere CSR-Partner*innen auch in der Elektronik-, Chemie- oder Bahnbranche tätig, um nur einige zu nennen. Durch diese branchenübergreifenden Vergleichsmaßstäbe stellen wir sicher, den besten Lösungsansatz zu implementieren, der nicht immer notwendigerweise aus dem Automobilbereich stammen muss.

„Wir wünschen uns von der Politik mehr Zusammenarbeit, in der EU wie auch weltweit. Dies würde fairen Handel und nachhaltige Geschäftspraktiken für alle Akteure entlang der Lieferkette genauso wie für OEM auf die effizienteste Weise unterstützen.“

Michelle Wen

Wie hat Ihr Unternehmen bisher von Kooperationen profitiert?

Seljak: Wir empfinden Kooperationen als sehr bereichernd. Z. B. können wir Einblicke in Ansätze unserer Kollegen*innen aus der Automobilindustrie und aus anderen Branchen gewinnen und unsere Erfahrungen sowie Best-Practice-Beispiele untereinander austauschen. Auch wenn sich die Tätigkeitsbereiche manchmal erheblich unterschei­den, können wir voneinander lernen und Wege suchen, Erfahrungswerte aus anderen Industrien für unsere Branche zu adaptieren. Auf diese Weise machen wir viele Fortschritte, entwickeln mehr Respekt und werden auch selbst mehr respektiert.

Wen: Indem wir mit vielen Partner*innen außerhalb der Automobilindustrie zusammenarbeiten, können wir von branchenübergreifenden Maßstäben und dem gegenseitigen Austausch besonders gelungener Praxisbeispiele profitieren. Dennoch muss die Umsetzung individuell durchgeführt werden. Dabei berücksichtigen wir sorgfältig die nationale sowie die EU-Gesetzgebung zu wettbewerbswidrigem Verhalten und Kartellen.

Werner: Kooperationen dienen dazu, das noch junge Thema Wirtschaft und Menschenrechte weiter zu etablieren. Stakeholder-Kontakte sind nützlich, um z. B. konkrete Ansätze, Fra gen oder Dokumente zu spiegeln, zu verbessern und zu standardisieren. Fortschritt durch Dialog und Austausch ist hier die Devise.

Welche Vorteile und Chancen würde – neben den bestehenden Initiativen und Bemühungen – ein europäischer Branchendialog bieten?

Wen: Ein europäischer Branchendialog würde die Position und die Marktchancen für alle Mitglieder stärken – zumindest innerhalb des EU-Marktes. Er könnte auch im globalen Wettbewerb, wo andere wachsende Märkte immer mehr Einfluss gewinnen, die Position Europas stärken. Wir würden eine neue EU-Gesetzgebung begrüßen, die unsere Sorgfaltspflicht mithilfe einer einheitlichen europäischen Position gegenüber Importeuren jeglicher Waren und Rohmaterialien in die EU unterstützen würde. Dabei sollten diese Vorgaben nicht auf bestimmte Branchen innerhalb oder außerhalb der EU beschränkt sein. Wir empfehlen einen ständigen Dialog mit internationalen Organisationen wie der OECD, um Leitlinien und Standards für die Achtung der Menschenrechte zu schaffen. Ein „Silo“-Ansatz aus Sicht der Industrie wäre nicht effizient. Die wesentlichen Risiken finden am Ursprung der Lieferkette statt, d. h. auf der Ebene der Bergwerke oder der landwirtschaftlichen Erzeuger. So könnte die EU beispielsweise bestimmte Menschenrechtsstandards für den Handel mit Waren, die Glimmer enthalten, aufstellen. Von solch einer Maßnahme wären ganz verschiedene Industrien betroffen wie Kosmetik, Automobil, Bergbau, Kunststoffe, Iso­lierungen oder Pharmazeutika, um nur einige zu nennen.

„Es muss ein EU-weiter Rechtsrahmen definiert werden, der dann als globaler Standard vorangetrieben wird. Wir müssen zunächst einmal ein Beispiel für andere Staaten oder Staatengemeinschaften sein.“

Iztok Seljak

Werner: Der Austausch in den bestehenden Initiativen findet schon heute teilweise auf europäischer oder internationaler Ebene statt, etwa in der Global Battery Alliance oder bei Drive Sustainability. Die Vorteile liegen auf der Hand: Deutsche Akteure alleine können die relevanten Lieferketten nicht nachhaltig gestalten, es bedarf der Kooperation aller beteiligten Unternehmen. Für die Rohstofflieferketten der Elektromobilität sind dies neben den weiteren europäischen OEMs etwa die Unternehmen der Elektronikindustrie sowie Rohstoffunternehmen, die zum großen Teil ihren Sitz nicht in Deutschland bzw. auf dem europäischen Kontinent haben.

Seljak: Es muss ein EU-weiter Rechtsrahmen de­finiert werden, der dann als globaler Standard vorangetrieben wird. Wir müssen zunächst einmal ein Beispiel für andere Staaten oder Staatengemein­schaften sein. Dafür müssen die EU und ihre Institutionen Politik­strategien, die den Schutz der Menschenrechte thematisieren und die sowohl für Arbeitnehmer*innen als auch für Arbeitgeber gleichermaßen nachhaltig sind, kontinuierlich unterstützen. Diese Politikstrategien müssten so formuliert werden, dass sie die Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sowie der Wirtschaft im Ganzen unterstützen. Sie müssen den Schutz der Menschenrechte für alle gewährleisten, nicht nur für bestimmte Länder. Bisher sieht die Praxis folgen­dermaßen aus: Länder, in denen das Niveau der Menschen-/Arbeitnehmerrechte häufig niedriger ist als in der EU, verkaufen ihre Waren und Dienstleistungen dennoch auf dem EU-Markt und kon­kurrieren mit in der EU ansässigen Unternehmen – dies stellt ungleiche Wettbewerbsbedingungen dar.

Wer sollte an einem EU-weiten Dialog teilnehmen?

Seljak: Der Dialog sollte vonseiten der Regierungen initiiert werden. Zugleich sollten die Industrie und deren Management wie auch die Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen als wichtige Anspruchsgruppen einbezogen werden. Mit einem Dialog auf politischer Ebene und dem Austausch positiver Ideen können wir immer bessere Lösungen und Wege für das Zusammenleben und die Entwicklung unserer Rechte und Pflichten finden.

Wen: Es ist wünschenswert, dass Entscheidungen in Bezug auf die Menschenrechte von den europäischen Institutionen (Rat, Kommission und Europäisches Parlament) und nicht von den einzelnen EU-Ländern getroffen werden. Darüber hinaus empfehlen wir eine enge Zusammenarbeit mit Gremien wie der OECD sowie mit den europäischen Handelspartnern. Die Groupe PSA ist gerne bereit, sich entweder direkt oder über ihre Branchenverbände an der Debatte zu beteiligen.

Werner: Neben politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren spielen sicherlich europäische Verbände und Interessenvertretungen eine gewichtige Rolle. Zudem sollten die EU-Länder mit eigener Automobilproduktion dabei sein.

„Wir würden eine neue EU-Gesetzgebung begrüßen, die unsere Sorgfaltspflicht mithilfe einer einheitlichen europäischen Position gegenüber Importeuren jeglicher Waren und Rohmaterialien in die EU unterstützen würde. Dabei sollten diese Vorgaben nicht auf bestimmte Branchen inner­halb oder außerhalb der EU beschränkt sein.“

Michelle Wen

Was könnte die EU aus Ihrer Sicht darüber hinaus dazu beitragen, dass sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessern, Menschenrechte und gute Arbeit in ihren Lieferketten durchzusetzen?

Werner: Die EU könnte ein Level Playing Field für alle Akteure schaffen. Im Sinne eines ‚smart regulatory mix‘ kann sie außerdem Unternehmen würdigen, die bereits aktiv sind, und Anreize für diejenigen setzen, die noch nicht in vergleichbarem Maße an der Nachhaltigkeit in Lieferketten arbeiten.

Wen: EU-weit einheitliche Rechtsvorschriften und Standards fördern, die für alle Branchen gelten, anstelle von länderspezifischen Gesetzen und Regeln.

Seljak: Die EU sollte mehr Zeit und Ressourcen einsetzen, um bei der Umsetzung von Ethikkodizes zu helfen und die Menschen über die zentralen Themen rund um den Menschenrechtsschutz aufzuklären. Darüber hinaus sollte die EU darauf achten, dass diese Kodizes nicht nur als statisches Dokument betrachtet werden, sondern im Arbeitsalltag auch tatsächlich gelebt werden.

Fussnoten

1.
Original Equipment Manufacturer (OEM) ist im Kontext der Automobilindustrie als Fahrzeughersteller zu verstehen.
2.
Responsible Minerals Initiative (RMI).
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