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Analyse

Kinderarbeit und Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit in globalen Lieferketten – aktuelles Verständnis und Handlungsmöglichkeiten1

Text: Beate Andrees, Internationale Arbeitsorganisation (IAO)

Beate Andrees fasst die Ergeb­nisse sowie Erkenntnisse des Berichts der Alliance 8.7 zur Kinder- und Zwangsarbeit in globalen Lieferketten zusam-­men und zeigt Handlungs­möglichkeiten der EU und ihrer Mitgliedstaaten auf.

BIO

Die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft durch Handel und Privatinvestitionen hat in vielen Teilen der Welt zu einem beispiellosen Wachstum von Produktion und Beschäftigung geführt, den Transfer neuer Technologien ermög­licht und die Innovation gefördert. Kleine und mittlere Unternehmen, Landwirte und Kleiner­zeuger stehen heute häufig über komplexe Liefer­ketten mit den globalen Märkten in Verbindung. Diese wirtschaftliche Verflechtung birgt aber auch Risiken.

Für viele Länder, insbesondere solche, in denen es eine ausgeprägte informelle und ländlich gepräg­te Wirtschaft gibt, sind Verletzungen grundlegender Prinzipien und Rechte vielfach dokumentiert. Bei diesen Verletzungen handelt es sich um gesundheitsgefährdende und andere Erscheinungsformen von Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Menschenhandel, Diskriminierung bei der Arbeit oder fehlende Vereinigungsfreiheit und ein nicht vorhandenes oder nicht durchsetzbares Recht auf Kollektivverhandlungen. Dieser Artikel beschäftigt sich vorrangig mit dem Risiko von Kinderarbeit und Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit in globalen Lieferketten.

Nach den jüngsten Schätzungen gibt es noch immer 152 Millio­­nen Jungen und Mädchen, die Kinderarbeit verrichten, mehr als 70 Millionen von ihnen unter gesundheitsschädlichen und gefährlichen Bedingungen. Schätzungsweise 25 Millionen Männer, Frauen und Kinder sind von Zwangsarbeit betroffen, die mit Schuldknechtschaft, Menschenhandel und sonstigen Ausprägungen von Zwang einhergehen kann. Gleichzeitig ist eine signifikante Zunahme der globalen Bemühungen zur Beseitigung dieser ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzun­gen zu beobachten.

Seit die IAO im Jahr 2000 damit begann, die Kinderarbeit zahlenmäßig zu erfassen, ist sie um mehr als 90 Millionen zurückgegangen. Bei der Zwangsarbeit, die häufig auch als „moderne Sklaverei“ bezeichnet wird, sind noch keine Trends messbar, aber zumindest das Bewusstsein für dieses Problem ist gewachsen.

Die Covid-19-Pandemie hat große Auswirkungen auf globale Lieferketten, insbesondere in Branchen, in denen die Nachfrage aufgrund restriktiver Maßnahmen zum Schutze der öffentlichen Gesundheit einbricht. Sie droht auch, jahrzehntelange Fortschritte im Kampf gegen Kinder- und Zwangsarbeit sowie Menschenhandel zunichtezumachen. Diese Fortschritte sind den ärmsten und am stärksten benachteiligten arbeitenden Menschen und Familien zugutegekommen.

Die Erfahrungen aus früheren Krisen haben gezeigt, dass Arbeitslosigkeit und Verlust der Lebensgrundlagen viele Familien in die Schuldknechtschaft drängen, sie zur Kinderarbeit zwingen und das Risiko des Menschenhandels verschärfen. Politische Maßnahmen müssen daher auf die Bedürfnisse dieser gefährdeten Gruppen zugeschnitten sein. In dem Maße, wie sich die Länder erholen, spielen Maßnahmen des sozialen Schutzes und eine qualitativ hochwertige Grundbildung für alle eine Schlüsselrolle bei der Verhinderung von Kinder- und Zwangsarbeit. Diese Maßnahmen sollten auf einer gerechten und integrativen Grundlage konzipiert werden.

Die Agenda für nachhaltige Entwicklung und der Bericht der Alliance 8.7

2015 verabschiedeten die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Agenda für nachhaltige Entwicklung (SDG-Agenda), mit der sie sich verpflichteten, bis 2025 alle Formen von Kinderarbeit zu beseitigen und Maßnahmen zu ergreifen, um bis 2030 auch Zwangsarbeit, moderne Sklaverei und Menschenhandel zu beenden. 2017 nahmen die Teilnehmer*innen der IV. Weltkonferenz zur nachhaltigen Beseitigung der Kinderarbeit die Erklärung von Buenos Aires an, die eine detaillierte Strategie darlegt, mit der die Zielvorgabe 8.7 erreicht werden soll. Ein Jahr vor der IV. Weltkonferenz hatten internationale Organisationen, Sozialpartner, Nichtregierungsorganisationen und andere Akteure die Alliance 8.7 ins Leben gerufen, mit dem gemeinsamen Ziel, die Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Menschenhandel und moderner Sklaverei auf nationaler, regionaler und globaler Ebene zu beschleunigen. Heute sind mehr als 200 Partner aus allen Teilen der Welt in diesem Bündnis vereint.

2017 forderten die G20-Arbeits- und Beschäftigungsminister*innen einen Bericht über die weltweite Kinder- und Zwangsarbeit; ein Jahr später verabschiedeten sie einen Aktionsplan zur Beendigung von Kinderarbeit, Zwangsarbeit und moderner Sklaverei in der Arbeitswelt. Nach der G20-Erklärung von 2017 gründeten die IAO, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) im Rahmen der Alliance 8.7 ein Forschungskonsortium zur Analyse von Daten über Kinderarbeit und Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit sowie zur Untersuchung der politischen Antworten darauf. Der Bericht (im Folgenden als Bericht der Alliance 8.7 bezeichnet) wurde im November 2019 beim Paris Peace Forum und beim UN Forum on Business and Human Rights vorgestellt. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind in diesem Artikel zusammengefasst.

„Zwar steht Kinderarbeit größtenteils noch immer mit der Produktion und dem Konsum im Inland in Beziehung, aber diese Zahlen zeigen, dass dennoch ein ganz erhebliches Risiko besteht, dass auch globale Lieferketten von Kinderarbeit betroffen sind.“

Daten zur Kinder- und Zwangsarbeit in globalen Lieferketten

Durch das Kombinieren der Daten von Partnern in der Alliance 8.7 war es möglich abzuschätzen, inwieweit Kinderarbeit in den globalen Lieferketten verschiedener Wirtschaftssektoren und Regionen vorkommt. Ebenso wurde für den Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit verfahren, allerdings hier nur versuchsweise. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass 26 Prozent der Kinderarbeit in Ost- und Südostasien (direkt oder indirekt) zu Exporten in andere Regionen beitragen. Für die anderen Regionen ist der Prozentsatz etwas niedriger: In der Region Afrika südlich der Sahara sind es 12 Prozent, in Nord- und Westafrika 9 Prozent, in Lateinamerika und der Karibik ­22 Prozent und in Zentral- und Südasien 12 Prozent.2 Zwar steht Kinderarbeit größtenteils noch immer mit der Produktion und dem Konsum im Inland in Beziehung, aber diese Zahlen zeigen, dass dennoch ein ganz erhebliches Risiko besteht, dass auch globale Lieferketten von Kinderarbeit betroffen sind. Diese Risiken bestehen insbesondere im Zusammenhang mit der Landwirtschaft, der industriellen Fertigung und dem Bergbau. Am wichtigsten ist jedoch die Erkenntnis aus der Datenanalyse, dass ein erheblicher Anteil an Kinderarbeit in den vorgelagerten Stufen der Liefer­ketten oder auf den alleruntersten Stufen der Rohstoffgewinnung oder der landwirtschaftlichen Produktion zu finden ist.

Auch der Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit trägt zu globalen Lieferketten bei. Zur Gewinnung verlässlicher Zahlen bedarf es hier allerdings weiterer Forschung, die auf bestimmte Regionen und Branchen bezogen sein sollte. Schon jetzt lässt sich jedoch sagen, dass der Anteil von Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit, der mit globalen Lieferketten in Verbindung steht, je nach Region zwischen 4 und 17 Prozent liegt. Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsarbeit findet sich häufig in nicht exportbezogenen Dienstleistungsbranchen und Sektoren, beispielsweise im häuslichen Bereich, in der Pflege und im Baugewerbe. Auch in der Landwirtschaft ist diese Art von Menschenhandel weitverbreitet.

Hier haben sich aus den Schuldknechtschaftssystemen der Vergangenheit neue Formen von Zwang entwickelt. Häufig betroffen sind Arbeitsmigrant*innen, Angehörige indigener Völker und andere Gruppen, die auf dem Arbeitsmarkt Diskriminierungen ausgesetzt sind. Auch in EU-Staaten sind verschiedene Formen von Menschenhandel, die mit der Arbeit in Zusammenhang stehen, vielfach dokumentiert.3

Ermittelte Risikofaktoren und weiterer Forschungsbedarf

Im Bericht der Alliance 8.7 wurde eine Reihe von Risikofaktoren erkannt, die für die Erarbeitung von Strategien durch Regierungen sowie für private und staatliche Unternehmen von entscheidender Bedeutung sind. So treffen Unternehmen in Ländern, in denen internationale Normen im Zu­sammenhang mit dem Verbot von Kinderarbeit, Menschenhandel und Zwangsarbeit nur ungenügend oder inkonsequent um- und durchgesetzt werden, auf eine Kultur der Nachgiebigkeit in Bezug auf bestimmte ausbeuterische Praktiken. Private Compliance-Initiativen können dieses Risiko teilweise etwas abmildern, sind aber kein Ersatz für wirksame gesetzliche Regelungen und deren effektive Durchsetzung. Ein weiterer struktureller Risikofaktor betrifft den sozioökonomischen Druck. Hier sind umfassende staatliche Maßnahmen gefordert, beispielsweise der Ausbau des sozialen Basisschutzes und besserer Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für Kleinerzeuger*innen. Es ist festzustellen, dass Risikofaktoren auch in direktem Zusammenhang zum unternehmerischen Umfeld stehen und davon abhängen, inwieweit verantwortliches unternehmerisches Handeln in einem bestimmten Land und einer bestimmten Branche gefördert wird. Hier sind ein starker sozialer Dialog und Kollektivverhandlungsmechanismen gefragt, um unbotmäßigen Wettbewerbsdruck zu lindern. Im Bericht der Alliance 8.7 wurde erstmals eine Methodik ver­wendet, mit der sich Grundrechtsverletzungen in globalen Lieferketten messen lassen. Außerdem wurde ein analytisches Modell zum besseren Verständnis von Risikofaktoren und wirksamen Gegenmaßnahmen entwickelt.

Trotz der begrenzten Daten konnte somit ein Weg aufgezeigt werden, der zu weiterer Forschung und Datensammlung anregt, insbesondere im Hinblick darauf, die branchen- und sektorspezifischen Risikofaktoren für Kinder- und Zwangsarbeit in globalen Lieferketten besser zu verstehen.4


Das wachsende Bewusstsein hat gesetz­geberischen Maßnahmen den Weg geebnet

Das wachsende Bewusstsein und das bessere Verständnis von Grundrechtsverletzungen wie Kinder- und Zwangsarbeit haben in allen Teilen der Welt den Weg für verstärkte politische und gesetzgeberische Maßnahmen geebnet. Die EU-Mitgliedstaaten haben sämtliche grundlegenden IAO-Übereinkommen ratifiziert, und aktuell sind Bemühungen im Gange, die zur beschleunigten Ratifizierung des Protokolls von 2014 zum Übereinkommen über Zwangsarbeit aus dem Jahr 1930 führen sollen.5 Das Protokoll enthält eine bahnbrechende rechtliche Bestimmung, mit der die ratifizierenden Mitgliedstaaten zur „Unterstützung der Wahrnehmung der Sorgfaltspflicht sowohl des öffentlichen als auch des privaten Sektors“ verpflichtet werden, „um den Risiken von Zwangs- oder Pflichtarbeit vorzubeugen und darauf zu reagieren“. Einige EU-Staaten haben Gesetze eingebracht, mit denen Lieferketten transparenter gemacht und Sorgfaltspflichten umgesetzt werden sollen, indem Unternehmen dazu verpflichtet werden, öffentlich darüber zu berichten, was sie zur Bekämpfung des Risikos von Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten tun.6 Noch ist es zu früh, um die Auswirkungen derartiger Gesetze wirklich beurteilen zu können, doch es lässt sich bereits beobachten, dass Unternehmen entlang der Liefer­ketten sensibler für das Thema geworden sind. Wenn die Umsetzung solcher Gesetze durch einen Bottom-up-Prozess gefördert wird, können sich diese auch positiv auf Unternehmen in Entwicklungsländern auswirken. In der Entschließung der IAO über menschenwürdige Arbeit in globalen Lieferketten (2016) sind weitere Maßnahmen aufgeführt, die Regierungen in diesem Bereich ergreifen können.7

Es gibt durchaus Möglichkeiten, gesetzgeberische und sonstige Ansätze zur Stärkung der Sorgfaltspflicht in Lieferketten in der Europäischen Union zu harmonisieren, um einheitliche Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen zu schaffen und das gemeinsame Verständnis von Maßstäben und bewährten Praktiken zu verbessern.

Chancen zur Förderung der Wahrnehmung der Sorgfaltspflicht auf EU-Ebene

Ein Konzept für das Vorgehen der EU vorzuschlagen, würde das Mandat der IAO sprengen. Aber durch eine Reihe von Initiativen könnten auf EU-Ebene zusätzliche Chancen zur Förderung der Wahrnehmung von Sorgfaltspflichten in Lieferketten geschaffen werden, beispielsweise durch den Entwurf eines weiteren EU-Aktionsplans für Menschenrechte 8 und die angekündigte Überarbeitung der Richtlinie 2014/95/EU zur nichtfinanziellen Berichterstattung. Es könnten auch Lehren aus den Erfahrungen bei der Umsetzung einschlägiger EU-Maßnahmen gezogen werden, beispielsweise der (2014 ausgelaufenen) EU-Strategie für die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen oder aus der bestehenden EU-Verordnung 2017/821 über Konfliktmineralien.

Das Protokoll von 2014 nimmt ausdrücklich Bezug auf die Rolle des öffentlichen Sektors, der Maßstäbe für verantwortliches Handeln von Unternehmen setzen soll. Einige Regierungen überprüfen ihre Beschaffungspraktiken bereits mit Blick auf die Entwicklung von Standards, mit denen Grundrechtsverletzungen, insbesondere Zwangsarbeit und Menschenhandel, vorgebeugt werden können.9  Die Vereinten Nationen haben kürzlich eine Initiative zur nachhaltigen Beschaffung gestartet, die auch von der Interinstitutionellen Koordinierungsgruppe zur Bekämpfung des Menschenhandels (ICAT) unterstützt wird. Auch der weitere Erfahrungsaustausch zwischen EU-Staaten und multilateralen Organisationen könnte gefördert werden. Dabei könnte die Europäische Kommission, die ebenfalls eine Leitlinie zur nachhaltigen Beschaffung hat, eine führende Rolle spielen. Die Standards der IAO und der Vereinten Natio­nen hinsichtlich Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Menschenhandel werden ergänzt durch die EU-Richtlinie 2011/36 und das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung des Menschenhandels.

Die Sachverständigengruppe Menschenhandel (GRETA) hat die Parteien, die das Übereinkommen ratifiziert haben, in ihren zahlreichen Berichten über dessen Umsetzung aufgefordert, Maßnahmen zu erarbeiten, um Kinder- und Menschenhandel zum Zwecke der Arbeitsausbeutung vorzubeugen.

Vorgehen innerhalb der Entwicklungs­zusammenarbeit und Handelspolitik

Wirksame Maßnahmen zur Minderung des Risikos von Kinder- und Zwangsarbeit in globalen Lieferketten sind auch in Entwicklungszusam­menarbeit und Handelspolitik integriert. Ver­schiedene EU-Staaten und die Europäische Kommission unterstützen Anstrengungen zur Beendigung von Kinder- und Zwangsarbeit durch umfangreiche Projekte im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Solche Projekte konzentrieren sich beispielsweise auf die Baumwollernte, den Bergbau (einschließlich des Kleinbergbaus) oder die Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung wie die von Kakao, Kaffee, Fischfang oder Palmöl.10

Auch aus dem internationalen Programm der IAO zur Abschaffung der Kinderarbeit und der Zwangsarbeit (IPEC+) hat man viel gelernt. So hat sich z. B. gezeigt, dass Entwicklungshilfe­projekte nur wirksam sind, wenn sie an eine übergeordnete Politik anknüpfen, die nicht nur auf einen bestimmten Sektor oder eine ein­zelne Branche abzielt. Eine solche Politik sollte beispielsweise darauf gerichtet sein, den sozialen Basisschutz für Kleinbäuer*innen sowie für Arbeitnehmer*­innen im informellen Sektor aus­zubauen, den Zugang zu Bildung in ländlichen Gemeinden zu erleichtern – mit einem besonde­ren Augenmerk auf Mädchen –, faire Einstellungspraktiken für Wanderarbeitnehmer*innen sowohl in exportbezogenen als auch nicht exportbezogenen Branchen zu etablieren und gewerkschaftliches Engagement und andere Formen der kollektiven Interessensvertretung zu fördern.

Eine solche Politik kann auch durch den handelsbezogenen Dialog gefördert werden. Der Anwendungsbereich und die Reichweite handelspolitischer Maßnahmen und Vereinbarungen nehmen zu; dies gilt auch für Bestimmungen zu internationalen Arbeitsnormen. Nach einer aktuellen Auswertung gibt es 85 regionale Handelsübereinkommen, die auch arbeitsrechtliche Bestimmungen enthalten.

Das ist etwa ein Drittel sämtlicher derzeit gültigen Handelsübereinkommen.11 Die Mehrheit dieser Handelsübereinkommen nimmt ganz konkret Bezug auf die „grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit“ der IAO und umfasst dank ihrer Nachhaltigkeitskapitel eigenständige Kapitel über Kinderarbeit und Zwangsarbeit und die Förderung der sozialen Verantwortung von Unternehmen.

Diese Kapitel enthalten Bekenntnisse zur dreigliedrigen Grundsatzerklärung der IAO über multinationale Unternehmen und Sozialpolitik (MNE-Erklärung), zu den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen und zu den Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte.

Kohärente internationale Instrumente für global agierende Unternehmen

Bei allen drei dieser internationalen Instrumente geht es darum, Unternehmen zur Beachtung der grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit anzuhalten und sie dazu aufzurufen, Maßnahmen gegen Kinderarbeit und Zwangsarbeit zu treffen. Dabei ist Kohärenz ganz besonders wichtig, um einen Flickenteppich unterschiedlicher Anforderungen auf der internationalen Ebene und zwischen einzelnen Ländern zu verhindern, da dies eine Herausforderung für global agierende Unternehmen darstellen könnte. Die drei Organisationen bemühen sich daher sehr darum, ihre Instrumente und die jeweiligen Programme zur Umsetzung miteinander in Einklang zu bringen. Jedes der Instrumente nimmt Bezug auf die anderen und baut auf dem wichtigen Mehrwert der jeweils anderen auf. So wurde beispielsweise das in den Leitprinzipien der Vereinten Nationen ausgeführte Konzept der Sorgfaltspflicht später auch in den Leitsätzen der OECD für multinationale Unternehmen und in der MNE-Erklärung der IAO verankert. In der jüngeren Vergangenheit wurde das gemeinsame Verständnis der Sorgfaltspflicht im Sinne eines verantwortungsbewussten Verhaltens von Unternehmen mit dem OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln von 2018 weiter vorangebracht.

Sowohl die IAO als auch die OECD haben sektor­spezifische Leitlinien für den Bergbau, die Roh­stoffindustrie, die Bekleidungs- und Schuhindustrie, die Landwirtschaft und andere Branchen ausgearbeitet, für deren weitere Verbreitung in den EU-Staaten gesorgt werden könnte.


Maßnahmen im Rahmen von handels­bezogenen Dialogen

Im Rahmen handelsbezogener Dialoge zwischen der EU und ihren Handelspartnern können auch konkrete Erwartungen im Hinblick auf gesetz­geberische Maßnahmen geäußert werden, die der Stärkung verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns dienen und damit dem Export von Waren und Dienstleistungen vorbeugen, denen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und andere Menschenrechtsverletzungen anhaften.

Ein wichtiger Aspekt dieser Handels- und Investitionsabkommen besteht darin, sicherzustellen, dass Opfer von Menschenrechtsverletzungen Zugang zu Abhilfemaßnahmen erhalten, insbesondere in Ländern mit schwacher Justiz und solchen, in denen Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit nicht gesetzlich geschützt sind.

Im September 2019 veröffentlichte Ursula von der Leyen, die zu diesem Zeitpunkt noch Anwärterin auf die EU-Kommissionspräsidentschaft war, politische Leitlinien für die künftige Europäische Kommission, die auch eine „Politik der Nulltoleranz gegenüber Kinderarbeit“ vorsehen.12 Dies wurde seither gegenüber verschiedenen EU-Generaldirektionen kommuniziert. Die Umsetzung dieser neuen Politik könnte auch neue handelsbezogene Maßnahmen einschließen, wobei es wichtig wäre, diese mit politischem Dialog, Entwicklungszusammenarbeit und privatwirtschaftlichem Engagement zu kombinieren.

„Dabei ist Kohärenz ganz besonders wichtig, um einen Flickenteppich unterschiedlicher Anforderungen auf der internationalen Ebene und ­zwischen einzelnen Ländern zu ­verhindern, da dies eine Herausforderung für global agierende ­Unternehmen darstellen könnte.“

Koordiniertes Vorgehen zur Bekämpfung von Kinder- und Zwangsarbeit

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es auch durchaus Möglichkeiten gibt, auf nationaler Ebene schneller zu handeln, so, wie die Zielvorgabe 8.7 der Agenda für nachhaltige Entwicklung dies vorsieht, und Synergien zwischen den einzelnen Sektoren zu schaffen. Aktuell führt Frankreich den Vorsitz der Allianz, Argentinien hat den stellvertretenden Vorsitz und viele EU-Staaten beteiligen sich aktiv an dieser Multistakeholder-Partnerschaft. Länder können „Pathfinder“ (Wegbereiter) der Alliance 8.7 werden, wenn sie zeigen, dass sie sowohl im eigenen Land als auch im Ausland verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen Kinder- und Zwangsarbeit unternehmen.13

Auch regionale Organisationen können der Alli­ance 8.7 beitreten. Koordinierte Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinder- und Zwangsarbeit in Lieferketten haben dank der Allianz auch durch neue Kooperationen Auftrieb erhalten. Die Allianz arbeitet auch mit Unternehmensnetzwerken zusammen. Hier sind insbesondere die Child Labour Platform und das Forced Labour Business Network (das auch das Consumer Good Forum und viele weitere Wirtschaftsverbände einschließt) zu nennen.

Die Unternehmen, Arbeitgeber- und Wirtschafts­verbände, die in diesen Netzwerken aktiv sind, diskutieren und entwickeln mit großem Engage­ment Lösungen vor Ort und arbeiten dabei mit Regierungen, Gewerkschaften und anderen Akteuren zusammen. Diese Unternehmens­initiativen könnten überall in der Europäischen Union und von deren Handelspartnern noch stärker voran­gebracht werden. Außerdem begeht die internationale Gemeinschaft 2021 das internationale Jahr zur Beseitigung der Kinderarbeit; EU-Staaten und -Institutionen könnten dies zum Anlass nehmen, konkrete Maßnahmen vorzustellen. Unternehmen und Regierungen können sich, wie schon der berühmte Vorkämpfer gegen die Sklaverei William Wilberforce gesagt hat, dafür entscheiden, weg­zuschauen, aber sie können nicht sagen, sie hätten von nichts gewusst. Die weite Verbreitung von Kinder- und Zwangsarbeit ist umfassend doku­mentiert, u. a. im jüngsten Bericht der Alliance 8.7, in dem der Zusammenhang zwischen diesen Menschenrechtsverletzungen und globalen Liefer­ketten aufgezeigt wird. Ein besseres Verständnis hat neue Impulse gesetzt: Nun ist es Zeit, die Chancen zu ergreifen und zu handeln.

Fussnoten

1.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind die der Autorin. Sie geben nicht unbedingt die Ansichten der IAO wieder. Die Autorin bedankt sich bei den Kolleg*innen der IAO für die Durchsicht des Textes und ihre Anregungen, insbesondere bei Michaëlle de Cock, Lieve Verboven, Irene Wintermayr und Githa Roelens.
2.
Weitere Einzelheiten siehe Bericht der Alliance 8.7: https://www.alliance87.org/news/child-labour-and-human-trafficking-remain-important-concerns-in-global-supply-chains/
4.
Weitere Informationen zu den Daten und der Methodik des Berichts der Alliance 8.7 finden sich unter: https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/—ed_norm/—ipec/documents/publication/wcms_733916.pdf
5.
Im Januar 2020 hatten 17 von 28 EU-Staaten das Protokoll ratifiziert.
6.
Siehe z. B. France Loi de vigilance n° 2017-399 du 27 mars 2017 relative au devoir de vigilance des sociétés mères et des entreprises donneuses d’ordre (1), NOR: ECFX1509096L (https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000034290626&dateTexte=20200117); United Kingdom Modern Slavery Act 2015, UK Public General Acts 2015 c. 30 (http://www.legislation.gov.uk/ukpga/2015/30/contents) und das niederländische Gesetz zur Sorgfalt im Hinblick auf Kinderarbeit, https://www.eerstekamer.nl/behandeling/20170207/gewijzigd_voorstel_van_wet
8.
Im vorherigen Plan waren auch Maßnahmen zur Förderung der Wahrnehmung der Sorgfaltspflicht enthalten.
9.
Australisches Gesetz über die moderne Sklaverei von 2018, Nr. 153, 2018 https://www.legislation.gov.au/Details/C2018A00153).
10.
Beispiele: „Clear Cotton Project on Child Labour and Forced labour. Eliminating child labour and forced labour in the cotton, textile and garment value chains: an integrated approach“, Ship to Shore Rights Project, Accelerating action for the elimination of child labour in supply chains in Africa (ACCEL AFRICA), Work in Freedom: Preventing trafficking of women and girls in South Asia and the Middle East.
11.
IAO. (2019). Labour Provisions in G7 Trade Agreements: A Comparative Perspective. Geneva.
12.
Politische Leitlinien. Ursula von der Leyen, Kandidatin für das Amt der Präsidentin der Europäischen Kommission. https://ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/political-guidelines-next-commission_de.pdf, siehe Seite 20.
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