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Praxis

Ein fair gehandelter Ball muss nicht teurer sein

Schneller, höher, weiter: Im Sport geht es meistens um Erfolgsgeschichten. Was viele nicht wissen: Oft werden Sportartikel ohne Berück­sichtigung von Arbeits- und Sozialstandards hergestellt. Michael Jopp, Fachpromotor für kommunale Entwicklungspolitik in Berlin, möchte das ändern. Mit einer bundesweiten Kampagne kämpft er für mehr Fairness in der Sportartikelindustrie.

Sie haben die Initiative Sport handelt Fair gestartet – was verbirgt sich dahinter?

Jopp: Die Initiative Sport handelt Fair setzt sich für mehr globale Gerechtigkeit im Sport ein. Konkret geht es uns darum, die Menschen- und Arbeitsrechtsbedingungen in der Sportartikelindustrie zu verbessern und Nachhaltigkeitsaspekte bei Sportevents umzusetzen. Dazu zählen z. B. CO2-arme Mobilität, aber auch langfristige Nutzungskonzepte für Sportstätten. Über 100 Nichtregierungs­organisationen, Sportvereine, Verbände und Kommunen haben sich bereits in ganz Deutschland zusammengeschlossen. Wir hoffen aber natürlich noch auf weitere Unterstützung.

Warum sehen Sie besonderen Handlungsbedarf bei den Produktionsbedingungen in der Sportartikelindustrie und durch die Kommunen?

Jopp: Die Sportartikelindustrie ist sehr konsumorientiert. Es wird unglaublich viel verbraucht, insbesondere im Bereich Textilien. Aber auch „reine“ Nutzprodukte wie Bälle werden regelmäßig erneuert. Der Jahresumsatz in Deutschland liegt bei etwa 8 Milliarden Euro, europaweit waren es 2017 sogar über 36 Milliarden Euro. Die Branche hat also eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. Viele Sport- und Merchandiseartikel werden aber unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt, durch die Menschenrechte und internationale Arbeitsstandards ver­letzt werden. Hierfür fehlt bislang das Problembewusstsein. Um dem entgegen­zu­wirken, ist es wichtig, die Verbraucher*innen zu sensibilisieren. Der Sport ist kommunal stark verankert, sowohl in Vereinen als auch in klassisch kommunalen Einrichtungen wie Schulen oder Jugendfreizeiteinrichtungen. Dadurch spielen die Kommunen und deren Marktmacht eine sehr große Rolle. Einerseits sind lokale Sportvereine eine originäre Institution für ehrenamtliches Engagement – man erreicht hier also sehr viele Konsument*innen, andererseits kommt Kommunen auch im Beschaf­fungsprozess eine hohe Bedeutung zu.

Gibt es konkrete Ziele und wie gehen Sie genau vor?

Jopp: Wir wollen einen aktiven Beitrag zur Agenda 2030 und ihren Zielen für nachhaltige Entwicklung leisten. Darüber hinaus wollen wir den Anteil fair gehan­delter Sportartikel in den nächsten fünf Jahren massiv erhöhen. Unser Ziel ist es, dass der faire Handel auch mit industriellen Produkten wie einem Sportball, einem Fanschal oder einem Trikot assoziiert wird. Dazu soll es in allen Bundesländern Bildungsangebote zu den Themen Fairer Handel, Nachhaltigkeit und Sport geben. Eine weitere konkrete Station ist für uns als deutschlandweite Initiative die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Unser Anspruch ist, dass sie die fairste Europameisterschaft aller Zeiten wird.

Sie setzen bei der Beschaffung auf Fairtrade-zertifizierte1 Fußbälle. Warum greifen Sie auf diese Zertifizierung zurück, wenn doch auch die „major player“ Maßnahmen zur Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards vorsehen?

Jopp: Es ist schön, wenn Unternehmen freiwillig betonen, dass sie Menschenrechte und gute Arbeit unter Berücksichtigung international anerkannter Standards in ihren Lieferketten beachten. Wenn sie sich aber nicht unabhängig überprüfen lassen, ist das nichts, was wir fördern wollen. Im Fairen Handel sorgen trans­parente und nachvollziehbare Mindeststandards für eine gewisse Sicherheit. Zwar sind existenzsichernde Löhne, die über den gesetzlichen Mindestlohn hinausgehen, auch bei Fairtrade nicht immer die Regel. Es gibt aber das ausdrückliche Ziel, sich diesen schrittweise anzunähern. So steht es in den Fairtrade-Standards. Außerdem zahlen zertifizierte Unternehmen an ihre Lieferanten neben den reinen Produktionskosten zusätzlich Prämien aus. Diese Beträge werden aktiv für die Verbesserung der Arbeits­bedingungen vor Ort verwendet. Dazu kommen regelmäßige Kontrollen.

Insgesamt ist das wesentlich weitreichender als das bloße Versprechen von Unternehmen, die Menschen- und Arbeits­rechte im Idealfall nicht zu verletzen. Solange keine Verpflichtung für unabhängige Prüfmechanismen wie beispielsweise ein Lieferkettengesetz vorgesehen ist, das eine flächendeckende Nachvollziehbarkeit gewährleistet, gibt es zu freiwilligen Zertifizierungen deswegen keine zufriedenstellende Alternative.

Mit den hohen sozialen Anforderungen im Fairen Handel sind auch hohe Kosten verbunden. Können sich kleine Kommunen und Sportvereine überhaupt solche Bälle leisten?

Jopp: Ein fair gehandelter Ball muss nicht notwendigerweise teurer sein. Die Kosten eines Balls setzen sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen. Die Herstellung ist nur ein Teil davon. Daneben gibt es noch Faktoren wie Transport, Marketing oder Zwischenhandel. Natürlich kostet eine Fairtrade-Zertifizierung etwas Geld, aber im Gegenzug könnte ein Unternehmen z. B. beim Marketing einsparen. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung. Aber auch hier gibt es in den Kommunen und Vereinen noch Aufklärungsbedarf.

„Solange keine Verpflichtung für unabhängige Prüfmecha­nismen wie beispielsweise ein Lieferkettengesetz vorgesehen ist, das eine flächendeckende Nachvollziehbarkeit gewähr­leistet, gibt es zu freiwilligen Zertifizierungen deswegen keine zufriedenstellende Alternative.“

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die öffentliche Hand grundsätzlich Nachhaltigkeitskriterien bei der Vergabe von Aufträgen berücksichtigt? Was fordern Sie von der Politik?

Jopp: Die Politik könnte z. B. unterstützen, indem sie sozial-ökologische Mindest­anforderungen in der öffentlichen Vergabe von Aufträgen stärker betont, aber auch in die Ausbildung von Verwaltungsangestellten integriert. Sie muss klar vermitteln, dass der Preis allein kein ausschlaggebendes Kriterium sein darf. Auch eine Prämienzahlung, wie eben beschrieben, oder die Zahlung existenz­sichernder Löhne könnten als Bewertungskriterien in die Vergabe­prozesse mit aufgenommen werden. Solche vergaberechtlichen Regelungen wären eine gute Ergänzung zu einem allgemeinen Lieferkettengesetz.

Warum spielt noch keine europäische Liga mit nachweislich nachhaltig produzierten Bällen, und wie lässt sich das ändern?

Jopp: Einen rationalen Grund gibt es nicht. Es fehlt an Bekanntheit und an Grund­interesse. Wir haben engen Kontakt zu größeren Vereinen, und sogar von Bundesligisten haben wir bestätigt bekommen, dass die fairen Bälle absolut konkurrenzfähig sind. Ein Problem ist, dass viele Vereine an Ausrüsterver­träge gebunden sind. Das gilt häufig je­doch nur für die 1. Profi-Mannschaft. Dennoch gibt es Unternehmen, die bis in die viert- und fünftklassigen Fußballligen pilgern und versuchen, dort kleine Vereine und einzelne Spieler durch Sonderangebote an Ausrüsterverträge zu binden. Dagegen anzukommen ist für Fairhandelsvertreter*­innen unheimlich schwer. Deswegen ist es so wichtig, sich zu vernetzen und mit guten Beispielen voranzuschreiten. Grundsätzlich kann ich nur jedem Verein raten: Probiert die fairen Bälle doch einfach mal aus!


Fussnoten

1.
Für die Zertifizierung des Fairtrade-Siegels ist die Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) verantwortlich.
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