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Perspektiven

„Durch Selbstverpflichtung allein bewegt sich nichts!“ – per Petition zu einer gerechteren Textilbranche

Text: Katharina Dippold, Journalistin

Niedriglöhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, mangelhafter Arbeitsschutz: Die Bedingungen in der globalen Textilindustrie sind oft problematisch. Lisa Jaspers, die in Berlin ein Start-up für fair produzierte Mode und Design betreibt, hat eine Online-Petition für ein Gesetz zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht gestartet.

Reichen freiwillige Maßnahmen auf Basis unternehmerischer Selbstverpflichtung aus? Die Berliner Unternehmerin Lisa Jaspers findet: nein. Seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April 2013 habe sich in der globalen Wertschöpfung bislang zu wenig geändert. Nach wie vor sei auf dem Textilmarkt oft der Preis das entscheidende Kaufkriterium. „Vor allem große Modeketten setzen auf Fast Fashion, ein Geschäftsmodell, das auf schnell wechselnden Kollektionen zu möglichst günstigen Verkaufspreisen beruht.“ Aber auch beim Kauf von teurer Kleidung sei man nicht davor gefeit, dass die Arbeitsrechte der Näher*innen verletzt werden. Unübersichtliche, weit verzweigte Lieferketten mit vielen Sub- und Zulieferunternehmen würden es den Herstellern zudem immer einfacher machen, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Um gegen diese festgefahrenen Strukturen wirksam vorzugehen, hat Jaspers vor zwei Jahren eine Petition für eine rechtlich verbindliche Regelung der unternehmerischen Sorgfaltspflicht gestartet: „Als Konsumentinnen und Konsumenten setzen wir in Deutschland voraus, dass der Staat unsere Menschen­rechte schützt. Auf dem Bekleidungsmarkt aber nehmen wir absurderweise in Kauf, dass Unternehmen ausschließlich sich selbst dazu verpflichten, international gewisse Arbeitsstandards einzuhalten und somit die Menschenrechte von Arbeitnehmer*­innen in Entwicklungsländern zu schützen. Das ist verrückt und muss sich dringend ändern.“ Jaspers setzt darauf, dass die Möglichkeit, juristisch zur Verantwortung gezogen zu werden, die Unternehmen dazu bewegt, ihre Lieferkette proaktiv besser zu kontrollieren und eventuelle Menschenrechtsrisiken, aber auch Umweltgefahren, zu beheben.


Petentin und Unternehmerin Lisa Jaspers. Foto: Victoria Kämpfe


Lisa Jaspers präsentiert einen farbintensiven Kelim-Teppich, den Frauen in Ostanatolien mit regionaler Wolle von Hand knüpfen. Foto: Victoria Kämpfe


Übergabe der Petition #fairbylaw von Lisa Jaspers (links) an Parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese (rechts) im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Foto: BMAS

Mehr Aufmerksamkeit durch Social Media

Weil sich nach dem Launch ihrer Petition im April 2018 auf der Online-Plattform change.org auf politischer Ebene kein Fortschritt gezeigt hatte, startete sie ein Jahr später, anlässlich des sechsten Jahrestags von Rana Plaza, einen zweiten Aufruf – und mobilisierte dafür ein reichweitenstarkes Netzwerk: So wurde sie nicht nur von der grünen Bundestagsabgeordneten Renate Künast unterstützt, sondern vor allem von Start-up-Gründer*innen, Aktivist*innen und Influencer*innen sowie den Berliner Ablegern der Fridays-for-Future- und der Scientists-for-Future-Bewegung.

Zum Launch der Kampagne veröffentlichte sie ein Video mit zahl­reichen prominenten Unterstützer*innen, in dem diese der Forderung eine gemeinsame Stimme verliehen. Parallel wurde und wird die Forderung weiterhin unter dem Hashtag #fairbylaw in den sozialen Medien verbreitet. Ein deutsches Gesetz sieht Jaspers dabei lediglich als einen Zwischenschritt. „Natürlich geht es letzten Endes um eine europäische Lösung. Aber eine europäische Regelung wird mit jedem Land, das bereits ein nationales Gesetz verabschiedet hat, wahrscheinlicher.“

Generell nutzte Jaspers vornehmlich digitale Formate wie Social Media, aber auch Podcasts und Interviews mit Blogger*innen sowie mit Online-Magazinen, um auch ohne Mediabudget die Aufmerksamkeit für ihre Bürger*inneninitiative zu steigern. „Ich glaube, viele Menschen in meinem Umfeld haben erst durch die Online-Kampagne gemerkt, dass sich das Problem von Fast Fashion auch politisch angehen lässt“, sagt die 36-Jährige. Über 154.000 Personen haben die Petition bereits unterschrieben. Am 27. November 2019 überreichte sie gemeinsam mit einem Kreis ihrer Mitstreiter*innen die Petition an Kerstin Griese, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundes­minister für Arbeit und Soziales.

Fair gehandelte Produkte für eine jüngere, designaffine Zielgruppe

Dass man Denkmuster und Arbeitsstrukturen erfolgreich ändern kann, beweist Jaspers bereits mit ihrem eigenen Unternehmen: Vor sieben Jahren, nur wenige Monate nach Rana Plaza, gründete sie Folkdays, ein Label für fair produzierte Mode und Design. Die Idee dazu kam ihr auf Reisen, die sie in ihrer damaligen Funktion als Unternehmens­beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit, aber auch privat, an die abgelegenen Regionen der Erde führte: „Die Armut, die ich dort gesehen habe, hat mich schockiert.“ Gleichzeitig entdeckte sie eine Fülle von schönem und anspruchsvollem Kunsthandwerk. Jaspers, die Entwicklungsökonomie studiert hat, war animiert: Warum diese Expertise nicht nach Europa holen? „Letztlich ging es mir immer schon um die Frage: Wie können wir das Geld, das wir hier ausgeben, auf eine smarte Weise in sehr arme Gegenden bringen?“ Als Zielgruppe hat sie vor allem eine jüngere Klientel im Blick, die beim Einkaufen vornehmlich auf Ästhe­tik und Qualität achtet. „Das Label ist auch aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass es bislang im fairen Handel wenige Produkte gab, die ich schön fand.“ Es ist aber nicht nur eine steigende Nach­frage, die Jaspers glauben lässt, dass ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig sei. Am wichtigsten ist ihr etwas anderes: ein umfassender Paradigmenwechsel in Wirtschaft und Gesellschaft. An dieser Stelle schließt sich der Kreis: „Mein Geschäfts­modell erlaubt, dass Menschen weltweit ein würde­volles Leben führen können. Und ich kämpfe mit der Petition dafür, dass dies generell das Ziel unternehmerischen Handelns wird.“


Teppichknüpferin bei der Arbeit in Ostanatolien. Foto: Lisa Jaspers

Die Gewerkschaften begrüßen, dass das Thema Nachhaltige Lieferketten vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf die Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gesetzt wurde. Die Einhaltung der universellen und unveräußerlichen Menschenrechte sowie von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards entlang globaler Wertschöpfungsketten braucht einen gesetz­lichen Rahmen. Die 82 Organisationen der Initiative Liefer­ketten­gesetz aus allen Bereichen der Zivilgesell­schaft fordern die deutsche Bundes­regierung dazu auf, dieses längst überfällige Gesetzes­vorhaben umzusetzen. Auch in Europa schließen sich Gewerkschaften, Umwelt-, Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen, Vertreter des fairen Handels sowie kirchliche Organisationen zu einer Initiative zusammen. Mit einer klaren gesetzlichen Anforderung an Unterneh­men könnte Deutschland gemeinsam mit Frankreich ein Impulsgeber für eine europäische Lösung sein. Das wäre ein äußerst positiver Beitrag für eine faire Globalisierung und ein entscheidender Schritt, die Einhaltung der Menschen- und Arbeit­nehmerrechte in globalen Wertschöpfungsketten durchzusetzen.

REINER HOFFMANN
ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und studierter Diplom-Ökonom.Nach seiner Tätigkeit beim Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Gemeinschaft und bei der Hans-Böckler-Stiftung wurde er 1994 Direktor des Europäischen Gewerkschaftsinstituts. Es folgte die Wahl zum stellvertretenden Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes. Seit 2014 ist er Vorsitzender des DGB, der größten Dachorganisation von Einzelgewerkschaften in Deutschland. (Foto: DGB / Detlef Eden)

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