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Kontext

Fair Play auch abseits des Spielfelds?

Text: Shehar Bano Khan, Journalistin

Während der Fußball-Europameisterschaft dreht sich alles um den Ball. Wie aber wird so ein Ball produziert? Das pakistanische Sialkot gilt als „Welthauptstadt der Ballmacher“ und erregte in den 1990er-Jahren mit Kinderarbeit internationales Aufsehen. Wie steht es heute um die Arbeits­­bedingungen? Eine Spurensuche.

Ich fahre durch die heillos überfüllten und verstopften Straßen von Sialkot und versuche, Zeichen der Infrastrukturentwicklung in einer Stadt zu er­kennen, die man als Zentrum der internationalen Fußballproduktion feiert. Überall am Straßenrand preisen Händler*innen stolz ihre Waren an. Es gibt nichts, was es nicht gibt – von Obst und Gemüse bis hin zu Schnickschnack „made in China“. Es herrscht großes Wirrwarr. Die Gebäude sehen eher nach Provisorien aus, nicht wie das Ergebnis einer wohldurchdachten Stadtentwicklungsplanung.

Die pakistanische Stadt im Nordosten der Provinz Pandschab hat als führender Produktionsstandort handgenähter Fußbälle weltweite Bedeutung erlangt – eine Entwicklung, die Sialkot quasi aus dem Nichts zu einer der wohlhabendsten Städte Südasiens werden ließ. Inzwischen verfügt Sialkot über einen eigenen Flughafen und ist Standort der noch jungen Sial Airlines, einer Privatinitiative der Mitglieder der örtlichen Handelskammer. Schätzungen zufolge machen Sportartikel und -bekleidung, chirurgische Instrumente, Lederwaren, Kampfsportkleidung und Sportschuhe, die in Sialkot produziert und an fast 40 internationale und 60 regionale Marken abgesetzt werden, zusammen bis zu einem Zehntel der gesamten pakistanischen Exporteinnahmen aus.

Doch dieser statistische Wohlstand steht in krassem Gegensatz zu der von Ent­behrung geprägten Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Menschen vor Ort, denn obwohl die Stadt in ihren exportorientierten Einrichtungen rund 400.000 Menschen Arbeit bietet und für weitere etwa 100.000 Stellen im Einzelhandel im ganzen Land sorgt, ist dieser vermeintliche Wohlstand nur einigen wenigen Glücklichen vorbehalten. Die meisten anderen verdienen noch nicht einmal den von der Regierung des Pandschab festgelegten Mindestlohn in Höhe von 17.500 pakistani­schen Rupien (105 Euro), und selbst dieser reicht nicht aus, um eine pakistanische Durchschnittsfamilie zu ernähren.

„Sialkot ist ein Paradies für Arbeitnehmer“

Einer der wenigen, die von dem Boom profitiert haben, ist Adeel Tanvir 1, Vorstand von Theta Industries 2, einem wichtigen Hersteller von Fußbällen und Sportausrüstung in Sialkot. Als wir zum Interview kommen, parkt auf dem Fabrikgelände unübersehbar eine ganze Flotte spiegelblanker Autos. Saad, der mich als Fotograf begleitet, knipst begeistert los und kommentiert augenzwinkernd, Tanvir stelle anscheinend zu viele Fußbälle her.

In Windeseile werden wir über den Hof in einen vornehm-plüschigen Raum geführt, der von einem breiten, rechteckigen Tisch dominiert wird. Dahinter sitzt Tanvir, der sich zur Begrüßung erhebt. Beim Mittagessen, das wir in seinem Büro einnehmen, erzählt er uns von seiner Fabrik, seinen Autos und seinem Zuhause, das sich über eine Fläche von 4.046 Quadratmetern erstreckt. „Sialkot ist ein Paradies für Arbeitnehmer*innen, und zumindest für meine Fabrik kann ich sagen, dass es keine Kinderarbeit gibt, keine Arbeitnehmer*innenrechte verletzt werden und Frauen den gleichen Lohn wie Männer erhalten“, so Tanvir.

Nach dem Essen werde ich durch die Fabrik geführt, um mir selbst ein Bild von den vermeintlich paradiesischen Arbeitsbedingungen zu machen. Der Manager der Fabrik zeigt mir gemeinsam mit Tanvirs Sohn die Räume und Hallen, in denen Fußbälle und andere Sportartikel hergestellt werden. Dabei versichert mir Tanvirs Sohn, dass Theta Industries die höchsten Produktionsstandards in der Region einhält. Für ihn bedeutet das, sich an die internationalen Arbeitsstandards zu halten und zu gewährleisten, dass diese nicht verletzt werden. „Sie haben selbst gesehen, dass hier keine Kinder beschäftigt werden. Würden wir Kinder einstellen, würde man unsere Fabrik schließen, und wir wären raus aus dem Geschäft.“

In den 1990er-Jahren sorgte die Kinderarbeit in der Ballproduktion international für Empörung

Wenngleich die Fußballindustrie in Sialkot, zu der auch Theta Industries gehört, sich jetzt nachdrücklich zur Unverletzlichkeit von Arbeitsrechten bekennt, so ist die Erinnerung an Ausbeutung und Kinderarbeit, wie sie früher praktiziert wurden, doch bestenfalls verblasst.

In den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit geriet diese Ausbeutung erstmals 1996, als mehrere Gewerkschaften und nichtstaatliche Organisationen herausfanden, dass bei den Zulieferern namhafter Marken wie Nike, Puma, Adidas, Decathlon und Reebok in Sialkot Kinder in der Produktion von Fußbällen eingesetzt werden. Im Jahr darauf unterzeichneten der Weltverband der Sportartikelindustrie, die Internationale Arbeitsorganisation, UNICEF und die Handelskammer von Sialkot im US-amerikanischen Atlanta eine internationale Vereinbarung zur Unterbindung der Kinderarbeit in der pakistanischen Fuß­­ballindustrie. Binnen 18 Monaten hatte sich die Fußballproduktion in Sialkot von den Vorwürfen reingewaschen.


Die Fabrik des pakistanischen Sportartikelherstellers Forward Sports in Sialkot. Foto: Saad Sarfraz Sheikh

„Das ist mehr als 20 Jahre her, und wie bereits gesagt – wir wären raus aus dem Geschäft, wenn wir gegen dieses Gesetz verstießen“, versichert mir auch Tanvir Senior. Das mag für seine Fabrik gelten, aber laut meiner Quellen, denen ich Anonymität zusichern musste, sind Kinder noch immer an der Herstellung von Fußbällen beteiligt – wenn auch nicht als reguläre Angestellte in den Fabriken, so doch definitiv als Teil von Familien, die in Heimarbeit produzieren. Ich beschließe aber, nicht weiter nachzuhaken, und folge dem Manager in den Gebäude­trakt der Fabrik, in dem die Frauen arbeiten.

„Als wir uns treffen, fleht sie mich an, zu erzählen, wie Arbeitnehmer*innen, allen voran Frauen, von den Milliardären in Sialkot ausgebeutet werden.“

Keiner traut sich, Fragen zu den Arbeitsbedingungen zu beantworten

Beim Eintreten bemerke ich eine Gruppe von Frauen, die auf dem Fußboden sitzen und Staub von Boxhandschuhen bürsten. Sie sehen mich zunächst misstrauisch an und fragen sich wohl, was ich hier mache. Als ich sie in ihrem heimischen Dialekt anspreche, entspannen sich einige von ihnen, zwei ringen sich sogar zu einem Lächeln durch. Meine Frage, ob sie mit den Arbeitsbedingungen zufrieden seien, halte ich eigentlich für eine einfache Frage. Die Frauen empfinden das offenbar anders. Keine einzige antwortet, alle sehen mich weiter ausdruckslos an. Nach einigen Sekunden unterbricht Vorarbeiterin Saima Kayani 3 das unangeneh­me Schweigen: „Hier gibt es keine Diskriminierung. Männer und Frauen werden gleich behandelt. Tanvir Sahib4 ist ein außerordentlich großzügiger Arbeitgeber“, schwärmt sie. Wenn dem so ist, dann frage ich mich, warum die Frauen so bedrückt und mutlos aussehen. Warum zögern sie, mit mir zu sprechen?

Bevor ich die Fabrik verlasse, gebe ich allen Frauen meine Handynummer – in der Hoffnung, dass sich wenigstens einige von ihnen bei mir melden. Wenig später ruft mich tatsächlich eine der Beschäftigten an, und wir verabreden uns für 21 Uhr, wenn sie Feierabend hat.

Als wir uns treffen, nimmt sie meine Hand und fleht mich an, der „Welt“ zu erzählen, wie Arbeitnehmer*innen, allen voran Frauen, von den Milliardären in Sialkot ausgebeutet werden. Ich frage sie, wer die Milliardäre von Sialkot sind, und ihre spontane Antwort lautet: „Mister Tanvir und seinesgleichen.“

Das Dilemma von Kinderarbeit in armen Gesellschaften

Mariam 5 ist etwa 65 Jahre alt, ihr genaues Alter kann sie mir nicht sagen. Sie kam aus einem nahegelegenen Dorf nach Sialkot in der Hoffnung, nach dem Tod ihres Mannes den Lebensunterhalt für sich und ihre sechs Kinder erwirtschaften zu können. Vor dem Verbot der Kinderarbeit 1997 arbeiteten Mariam und ihre drei ältesten Kinder in zwei Fabriken in Sialkot, wo sie Fußbälle für internatio­nale Marken nähten. „Ich weiß nicht, welche Marken es waren. Wir haben einfach Fußbälle mit der Hand genäht. Und plötzlich hieß es, meine Kinder könnten nicht länger in die Fabrik kommen, weil der Besitzer nicht wolle, dass Kinder dort arbeiten“, erklärt Mariam. Die Methode der erzwungenen Kinderarbeit ist ihr nicht vertraut. Sie sagt mir, dass ihre Kinder arbeiten müssen, ansonsten gäbe es nichts zu essen. „Ich war die einzige in der Familie, die Geld verdiente – sagen Sie mir doch bitte, wie ich sonst meine Kinder ernähren sollte?“, will Mariam wissen. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, was ich dieser Frau antworten soll. Einer Frau, die nie eine Schule besucht hat und für die internationale Übereinkünfte zum Verbot der Kinderarbeit ohne Belang sind. In ihrem Leben zählt, dass ihre Kinder etwas zu essen haben.


Arshad Mirza, Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Baidarie. Foto: Saad Sarfraz Sheikh

Frauen werden schlechter entlohnt als Männer

Mariam arbeitet seit 14 Jahren bei Theta Industries. Jeden Tag steht sie um fünf Uhr morgens auf, damit sie um 8:30 Uhr in der Fabrik ist. Ebenso wie die anderen Frauen arbeitet sie über die normale Arbeitszeit – welche von 8:30 Uhr bis 17 Uhr dauert – hinaus, teilweise bis 20 oder 21 Uhr, und das für magere 200 pakistanische Rupien (1,19 Euro) Überstundenzuschlag. Männern geht es ähnlich schlecht, und auch sie bekommen nur einen geringen Überstundenzuschlag. Dieser liegt bei 500 Rupien (2,98 Euro), ohne dass damit jedoch Leistungen der Gesundheits- oder Sozialversicherung verbunden wären.6

Als besonderen Missstand empfindet Mariam die Tatsache, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Sie erzählt mir, dass der Durchschnittslohn eines Man­nes in einer Fabrik in Sialkot zwischen 16.000 und 17.000 Rupien (rund 95 bis 101 Euro) monatlich liegt, gegenüber 10.000 bis 12.000 Rupien (rund 59 bis 71 Euro) für eine Frau. Mariams Lohn wurde nach 14 Jahren kürzlich auf 14.000 Rupien (rund 83 Euro) angehoben. An ihren Lebensbedingungen hat dies jedoch nichts geändert. Ohne Leistungen der Kranken- oder Sozialversicherung kommt sie nur schwer über die Runden. „Es kommen andere Probleme hinzu. Wenn ich krank werden würde oder jemand anderes bei mir zu Hause erkrankte, springen die Fabrikbesitzer nicht ein. Wir müssen mit unserem Lohn auskommen, denn Verantwortung gegenüber uns als Arbeitnehmer*innen zeigen sie nicht“, beklagt sie.

Kritiker sprechen von zahlreichen Verstößen gegen das Arbeitsrecht

Um diesen Vorwürfen nachzugehen, habe ich zwei Treffen vereinbart: das erste in Lahore, und zwar mit Farooq Tariq, dem Generalsekretär des Pakistan Kissan Rabita Committee (PKRC), einem landesweiten Netzwerk von Bauernverbänden. Das zweite Treffen findet in Sialkot statt, im Büro von Arshad Mirza, dem Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation (NRO) Baidarie, die sich für Arbeitnehmer*innenrechte und die Teilhabe von Frauen einsetzt.

Mein Treffen mit Tariq ist höchst aufschlussreich, und er ist keineswegs zurückhaltend, wenn es darum geht, dass es viele Probleme mit Verstößen gegen das Arbeitsrecht gibt. „Ein wesentliches Indiz sind die strengen Auflagen für Gewerkschaften und Tarifverhandlungen. Gegenwärtig haben wir ,gelbe Gewerkschaften‘ – solche, die mit stillschweigender Zustimmung der Arbeitgeber zum Nachteil der Arbeitnehmer*innen agieren“, so Tariq. „Es wäre naiv, anzunehmen, dass Kinderarbeit kein Problem mehr darstellt, oder dass die Industrie, allen voran die Fußballindustrie, ein Musterbeispiel für die Anwendung internationaler Arbeitsstandards ist“, fügt er hinzu.

Arshad Mirzas Schilderungen weichen nicht wesentlich von dem ab, was ich von Tariq erfahren habe. Nach jahrelangem Eintreten für den Schutz von Rechten, vor allem für die von Arbeitnehmer*innen, verfügt Mirza über weitreichende Einsichten in die Geschäftspraxis lokaler Fußballhersteller. „Das Credo der meisten Fabrikbesitzer lautet: Gewinnmaximierung ohne Einhaltung internationaler Arbeitsnormen.“ Mirza, der neben seiner Tätigkeit auch den lokalen Fußball­hersteller Forward Sports in Fragen des Arbeitsrechts und der Compliance berät, kennt aber auch löbliche Ausnahmen. So hat Adidas, einer der Abnehmer von Forward Sports, beispielsweise einen eigenen Kontrollmechanismus eingerichtet, um arbeitsrechtliche Verstöße zu ermitteln. Dieser Mechanismus beinhaltet eine regelmäßige Abfrage der Zufriedenheit der Arbeitnehmer*innen sowie eine Hotline, bei der alle Arbeitnehmer*innen direkt Beschwerde einlegen können.

„Das Credo der meisten Fabrikbesitzer lautet: Gewinnmaximierung ohne Einhaltung internationaler Arbeitsnormen.“

Der technologische Wandel setzt Sialkot unter Druck

Mirza spricht auch über die Folgen des technologischen Wandels, der dazu geführt hat, dass Fußbälle inzwischen eher maschinell als von Hand gefertigt werden, was auch die Arbeitnehmer*innen in Sialkot betrifft. „Vor 2010, als die Bälle noch mit der Hand genäht wurden, lieferte Sialkot 75 Prozent aller Fußbälle weltweit. Dann aber begann China, Bälle maschinell herzustellen. Die waren zwar billiger, aber auch von minderer Qualität als die handgenähten Bälle aus Sialkot. Die Fußballexporte aus Sialkot brachen um 30 bis 40 Prozent ein, einige Betriebe mussten schließen oder Arbeitskräfte entlassen.“ Laut Mirza geraten durch diesen technologischen Wandel vor allem Frauen ins Hintertreffen. Einige der Fabriken in Sialkot haben sich jedoch dazu entschieden, dem Rückgang der Fußballausfuhren mit maschineller Herstellung zu begegnen. Das Neueste sind Bälle, die mit der „thermo bonded“-Technologie 7 gefertigt werden, einem Verfahren, das vom wichtigsten Kunden Adidas entwickelt wurde und von den Herstellern in Sialkot kontinuierlich perfektioniert wird.


Shazia – Teilnehmerin des Adidas-Programms – produziert in einem Hinterzimmer Sportbekleidung. Foto: Saad Sarfraz Sheikh

Adidas lancierte eine Initiative für Frauen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben

Doch was geschah mit all jenen, die plötzlich ihre Arbeitsplätze verloren hatten? Mirza berichtet mir von einer Initiative, die seine NRO Baidarie gemeinsam mit Adidas ins Leben gerufen hat. Der Branchenriese hatte 2017 ein Programm aufgelegt, das Arbeitnehmerinnen in die Lage versetzen soll, eine nachhaltige Erwerbsgrundlage zu erlangen. „Ausgewählten Frauen, die von zu Hause aus arbeiten, möchte Adidas bedarfsgerechte Fertigkeiten vermitteln, die sich am Markt vor Ort orientieren. Das ist ein sehr ehrgeiziges Programm, mit dem ausgebildeten Arbeitnehmerinnen der Zugang zum formellen Sektor ermöglicht werden soll“, führt Mirza aus.

Eine dieser Frauen ist Shazia, die mit ihrem Ehemann und ihrem wenige Wochen alten Säugling spartanisch in drei Zimmern lebt. Während sie die Wiege schaukelt, erzählt sie mir, wie sie mit dem Adidas-Programm in Berührung kam. Nach einem Einführungskurs zur Gründung eines Kleinstunternehmens in Heimarbeit bei Baidarie richteten Shazia und ihr Mann eine Facebook-Seite ein, um sich mit internationalen Sportartikelmarken zu vernetzen. Seit mehr als einem Jahr verkaufen sie nun Sportbekleidung an internationale Marken. Genäht wird an drei Nähmaschinen in einem Hinterzimmer: „Ich bin glücklich, dass ich Dinge für mein Zuhause und Kleidung für meinen Sohn kaufen kann“, sagt Shazia schüchtern.

Wie es wohl in den Vororten von Sialkot aussieht?

Ich frage mich dann aber doch, wie es wohl für die ungelernten Arbeiterinnen im informellen Sektor aussieht. Und was es für die Orte in der Umgebung bedeutet, dass der Blick der Weltöffentlichkeit sich hauptsächlich auf Sialkot richtet. Ich wusste, dass viele Unternehmen in den Vororten von Sialkot ihre Produktion an Unterauftragnehmer*innen vergeben und so indirekt ungelernte Arbeitskräfte beschäftigten. Wie geht es denen heute? Wie gehen sie mit dem technologischen Wandel um? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, beschlossen mein Fotograf und ich, ins 20 Autominuten entfernte Ugoki zu fahren.

Verfallen und heruntergekommen, zeugt Ugoki davon, dass der Einsatz für die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte über ein bloßes Lippenbekenntnis nicht hinausgeht. Die Elendsquartiere der Stadt hüten die dunklen Geheimnisse der Fußballproduktion von Sialkot. Zutage treten diese leider nicht wirklich, denn die Menschen in Ugoki geben nur zögerlich Auskunft. Sobald das Wort „Fußball“ fällt, machen sie dicht.

Also klopfe ich, nachdem ich eine Weile durch die engen, ungepflasterten Gassen der Stadt gelaufen bin, einfach an die erstbeste halboffene Tür. Nach wenigen Sekunden schiebt sich der Kopf eines Jungen hindurch, und kurz danach ertönt eine fragende Frauenstimme im Hintergrund. Schnell schlüpfe ich in den winzig kleinen Innenhof, in dem eine Frau mit einem wenige Monate alten Baby auf dem Arm steht. An ihrem Rockzipfel hängt ein weiteres Kind, dessen staub­verschmiertes Gesicht glücklich über die Ankunft eines Fremden wirkt. Und dann taucht plötzlich noch ein weiteres Kind aus einem in die Ecke des Hofes gezwängten Verschlag auf.

„Ugoki zeugt davon, dass der Einsatz für die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte über ein bloßes Lippenbekenntnis nicht hinausgeht.“

In Ugoki wird klar: Noch immer nähen Kinder Fußbälle

Für eine Frau, die mit ihrem Mann und vier Kindern in einer baufälligen Bretter­bude lebt, verströmt Razia eine außergewöhnliche Fröhlichkeit. Sie erzählt mir, dass die Vertreter der Fußballhersteller aus Sialkot regelmäßig nach Ugoki kommen, um Menschen für die Herstellung von Fußbällen anzuwerben. Ich folge ihrer Einladung in den winzigen Raum, in dem sie ihr Material aufbewahrt und der ansonsten von einem riesigen Bett ganz ausgefüllt wird, in dem anscheinend die gesamte Familie schläft. Razia erzählt mir, dass ihre Kinder ihr bei der Fußball­produktion helfen. „Fast jedes Kind in Ugoki macht bei der Fußballherstellung mit, wir haben gar keine andere Wahl – wie sollen wir sonst überleben?“ Stolz zeigt sie mir einen Holzrahmen und einen Satz der 32 „Waben“, die man braucht, um einen Fußball herzustellen. „Für einen Fußball bekommen wir 50 Rupien (0,30 Euro). Ich versuche, jeden Tag mindestens vier zu machen. Andere Arbeit findet man hier nicht. Ich nähe Fußbälle in der dritten Generation, und viele hier in Ugoki nähen seit ein, zwei Generationen Fußbälle mit der Hand“, sagt Razia.

Bevor ich gehe, frage ich Razia, ob es in der Gegend gute Schulen gebe. „Gute Schulen? Gibt es nicht, nein. Aber selbst wenn, könnte sich die niemand in Ugoki leisten. Ich möchte, dass meine Kinder eine Universität besuchen, aber als Christen können wir nur als Reinigungskräfte beschäftigt werden“, erklärt Razia. Zutiefst verstört darüber, dass hier die Ausbeutung in Armut lebender Menschen unter dem Deckmantel der Rechtmäßigkeit stattfindet, verlasse ich Razias Haus. Am einen Ende der globalen Lieferkette stehen gigantische Profite. Am anderen steht herzzerreißende Armut. Für jede Frau wie Shazia, der Adidas als eines von nur wenigen Unternehmen in Sialkot dabei geholfen hat, durch spezielle Schulungsprogramme Fertigkeiten zu erlangen und so einen Ausweg aus prekären Arbeitsbedingungen zu finden, gibt es in Pakistan Tausende andere Frauen mit ihren Familien, für die sich die Situation in den vergangenen 20 Jahren kein Stück verbessert hat.

Weder der informelle Sektor noch die Auftragsvergabe in Heimarbeit sind neue Phänomene, und doch hat es den Anschein, als bezögen viele internationale Marken diejenigen, die dies wirklich dringend bräuchten, nicht in ihre Audits und Fortbildungsprogramme ein. Meine Erfahrungen in Ugoki zeigen mir, dass Verantwortung und Rechenschaftspflicht Mangelware sind.

Kein Übereinkommen oder Gesetz ist wirksam, wenn es nicht durchgesetzt wird

Auf der Rückfahrt geht mir der Name des offiziellen Balls für die Europameisterschaft durch den Kopf, „Uniforia“, und die Botschaft, die davon ausgehen soll. Der Name setzt sich zusammen aus „Unity“, was für die einigende Kraft des Fußballs steht, und „Euphoria“, für die Begeisterung, die dieser Sport auslösen kann. Anika Marie Kennaugh, Produktdesignerin bei Adidas, sagte bei der

Präsentation des Balls: „Die Europameisterschaft ist eine großartige Gelegenheit, um die Kraft zu zeigen, die in einer Gemeinschaft steckt.“ Wen aber schließt diese Gemeinschaft ein? Nicht Sialkot, wo der Ball herkommt. Und erst recht nicht Ugoki, wo es weder Begeisterung noch Gemeinschaft gibt. Was kann man dagegen tun? Ich rufe mir Mirzas Worte ins Gedächtnis und seine nüchterne Einschätzung, warum die internationalen Hersteller Sialkot ausgewählt haben: „Sialkot ist vor allem deswegen attraktiv für Unternehmen, weil es hier billige Arbeitskräfte gibt. Die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte lassen sich nur dann wirksam umsetzen, wenn Arbeitnehmer*­innen gerecht an den Profiten beteiligt werden. Bis dahin ist es leider noch ein langer Weg.“ Jedes Übereinkommen, jedes Gesetz mit dem Ziel, Menschen vor Ausbeutung und der Verletzung ihrer Rechte zu schützen, bleibt unwirksam, solange sie nicht effektiv durchgesetzt werden. Wenn Sialkot angeblich den Erfolg der Fußballindustrie in der globalen Lieferkette verkörpert, dann ist Ugoki Ausdruck ihres Versagens.


In mühsamer Handarbeit: Für einen Fußball erhalten die Menschen in Ugoki nicht mehr als 30 Cent. Foto: Sohail Shahzad


Fussnoten

1.
Name von der Redaktion geändert.
2.
Name von der Redaktion geändert.
3.
Name von der Redaktion geändert.
4.
Formelle Anrede für einen Mann.
5.
Name von der Redaktion geändert.
6.
Eine Sozialversicherung für Arbeitnehmer*innen gibt es in Pakistan nicht – zumindest nicht grundsätzlich im vertraglichen Verhältnis zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft. Dennoch werden Arbeitnehmer*innen in führenden Einrichtungen Gesundheits- und Sozialleistungen gewährt.
7.
Bei diesem Verfahren wird die Balloberfläche nicht zusammengenäht, sondern thermisch verklebt.
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